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Viu-Store in Berlin Mitte: Viu arbeitet mit Hightech wie ultraleichten Brillen aus Polyamid-Staub, die in 3-D-Druckern gedruckt werden, vermeidet aber technische Gadgets auf der Verkaufsfläche. (Foto: Viu/Stefan Lucks)
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Design  |

Hightech verändert die Branche

Im Schaufenster des Optikers Yun in Berlin steht eine imposante, raumfüllende Schleifanlage mit eindrucksvollem Förderband. Dieser Roboter, der auch innen nur durch eine Glaswand vom Verkaufsraum getrennt ist, schleift die Gläser nach der digitalen Übermittlung der Werte vom Sehtest vollautomatisch in die Form der zuvor ausgewählten Brillenfassung. Das Förderband ist sowohl Warteschlange für die Glasrohlinge in Zeiten hoher Nachfrage als auch Transportband hin zum Tresen, wo die geschliffenen Gläser per Hand ins Brillengestell montiert werden. In den Fächern hinter dem Tresen warten rund 16.000 Brillenglasrohlinge in allen erdenklichen Stärken und Versionen auf ihren Schliff. Neben dem Verkaufsraum, in dem die Brillenfassungen nach Themen und Serien präsentiert werden, verfügt die 270 qm große Fläche über zwei größere Augentesträume und eine Wartezone zwischen Verkauf und Refraktion.

Der Flagshipstore in Berlin ist der weltweit einzige des koreanischen Brillenglasherstellers Chuljoo Yun. Brille zum Mitnehmen ist sein Motto, der Roboter schafft 400 Schleifjobs am Tag. Das Produktionstempo folgt der ungeduldigen Alles-und-sofort-Mentalität unserer Zeit. Das cleane Storedesign folgt koreanischer Ästhetik, die einfache Preisstaffelung mit ihren günstigen Eckpreislagen dem Konsum-Zeitgeist.

Inszenierung der Technik

Das Beispiel Yun zeigt, wie eng das Thema Brillen und Optikerfachgeschäfte verbunden ist mit technischen und technologischen Neuerungen, die auf Ladenformate, Raumgliederungen und Storedesign Einfluss nehmen. „Viele Optik-Fachgeschäfte neigen dazu, ihr technisches Equipment in Hinterzimmern zu verstecken. Warum inszenieren sie ihre diagnostische und die handwerkliche Kompetenz nicht auf der Verkaufsfläche als Alleinstellungsmerkmal“, fragt Kirsten Lind, zuständig für Marketingbei Concept-S Ladenbau und Objektdesign.

In seinem Showroom in Schorndorf baute Concept-S ein Modell eines innovativen Ladenformats, das zeigt, was geht. Hier sind die Messräume mit den diagnostischen Gerätschaften prominent in einer Art Glaskasten für die Kunden sicht- und beobachtbar platziert. Um bei der Untersuchung und dem Beratungsgespräch einen geschützten Raum herzustellen, kann das Licht gedimmt und die Scheiben können abgeschirmt bzw. mattiert werden. „Bis in die achtziger Jahre betrieben Optikfachhändler vor Ort ihre Werkstatt. Der zwischenzeitlich verloren gegangene Manufaktur-Charakter wird jetzt wieder stärker hervorgehoben“, sagt der Optiker und Einzelhändler Jürgen David Scholten aus Köln.

Immer mehr Optiker erweitern ihre Sortimentskonzepte um „Low Vision“-Produkte, also Sehhilfen wie Lupen – und auch um Akustik, berichtet Kirsten Lind. Lind: „Wir sollten uns mehr Gedanken über Storytelling beim Optiker machen. Lupen und Hörgeräte werden ja als noch ‚prothesiger‘ empfunden als Brillen. Dabei gibt es tolle Produkte mit hochentwickelter Technik und guten Geschichten rund um Lärmschutz, Musik, Hörtrainings oder Sehhilfen, die sich in emotionale Ladenkonzepte umsetzen ließen.“

iPad als zentrales Werkzeug

Optiker Scholten aus Köln greift gern zu digitaler Unterstützung: „Computer-Programme für die Sehprüfung können präziser als die althergebrachten Methoden ermitteln, an welcher Stelle genau das Kundenauge durchs Glas guckt“, betont er. iPads sind seine zentralen Werkzeuge dafür. Er nutzt diese auch, um die Kunden unterschiedliche Glasqualitäten und -typen, die die Software lebensecht wiederzugeben weiß, ausprobieren zu lassen. „‚Nur lesen‘, ‚Lesen und PC-Arbeit‘, ‚Lesen und Autofahren‘ – dass es auf jedes Anforderungsprofil zugeschnittene Brillengläser mit unterschiedlicher Ausstattung gibt, macht es für den Kunden kompliziert. Die digitalen Tools helfen bei der Entscheidungsfindung“, so Scholten.

Auch in den Filialen des Brillenlabels Viu ist das iPad das grundlegende digitale Multifunktionswerkzeug: Es werden damit Messungen durchgeführt, und es dient zugleich als Kasse. Die umfangreiche Augenprüfung erfolgt durch einen Augenoptikermeister. Sind die persönlichen Seh-Daten einmal erfasst, „kann die zweite Korrekturbrille bei Einstärke-Korrekturen online bestellt werden“, sagt der CEO von Viu Kilian Wagner. „Bisher ist der Brillenkunde aber noch nicht ‚zalandoisiert‘“, kommentiert Wagner die vergleichsweise niedrigen 4-8 Prozent vom Gesamtvolumen, bei denen der Onlinehandel mit Brillen aktuellen Analysen zufolge liegt. Dieser Anteil könnte mittelfristig ansteigen, meint Wagner mit Blick auf den rasanten technologischen Fortschritt. Ein Dienstleister in den USA bietet bereits Online-Sehtests als App an, mit denen der Kunde seine Sehstärke am eigenen Smartphone angeblich selber ermitteln kann.

Auch vor den Brillenfassungen macht die Technologie nicht halt. Einige Marken bieten bereits 3-D-gedruckte Brillen. Gedruckte Brillen aus Polyamid-Staub wie die von Viu wiegen nur wenige Gramm bei gleichzeitig höherer Flexibilität und Stabilität gegenüber herkömmlichen Fassungen. „Es steckt unglaubliches Potenzial im 3-D-Druck, die Technologie entwickelt sich dynamisch“, meint Viu-CEO Wagner. Daher arbeiten progressive Marken wie Viu oder Mykita weiter am Customizing mit 3-D Print. Das Ziel ist ein digitaler 3-D-Scan, der Kopfform, Gesicht, Augenabstand und erforderliche Bügellänge erfasst, also die Daten, die einem maßgefertigten gedruckten Brillenmodell zugrunde liegen. Sobald eine genaue Erfassung der Kopfmasse digital möglich sein wird, steht einer Brillenkonfiguration live im Laden dann nichts mehr im Wege.

Fotos (4): Viu/Stefan Lucks, Sebastian Meyer, ic! Berlin

Weitere Informationen: redaktion@remove-this.ehi.org

Interview

Grätsche zwischen Lifestyle und Technik

Grätsche zwischen Lifestyle und Technik

Wie verändert „Optik 4.0“ die Projektplanung und den Ladenbau?

Ein erweiterter „Maschinenpark“ erfordert erhöhten Platzbedarf. Um die Untersuchungen funktional, sauber und verkaufsfördernd einzusetzen, dürfen die Geräte nicht irgendwo stehen. Separater Raum ist jedoch auf der Verkaufsfläche vieler Optikgeschäfte nicht vorgesehen, und die Refraktionsräume sind in der Regel zu klein dafür, wirtschaftlich und vom Ablauf

her auch nicht sinnvoll. Daher weisen wir bei neueren Projekten der Messung räumlich einen separaten Bereich zu, der zwischen der Verkaufs- bzw. Sitz-Beratungsfläche und den Refraktionsräumen liegt.

Wie digital aufgeschlossen sind die Optiker?

Optiker sind auch Kaufleute, und es wird unserer Erfahrung nach sehr darauf geachtet, dass digitales Equipment nicht nur Spielerei, sondern auch technisch sinnvoll ist, dass Schnittstellen zu anderen Gerätschaften oder Datenbanken vorhanden sind und alles technisch einwandfrei funktioniert. Die Kosten-Nutzenrechnung steht im Vordergrund. Und bei aller Technik- Affinität weiß der Optiker, dass der Kauf einer optischen Brille immer noch vor allem Vertrauenssache zwischen Menschen ist und zu viel Technik da auch im Wege stehen kann.

Dividiert sich der Fachhandel gerade in Lifestyle einerseits und technische Dienstleistung auf der anderen Seite?

Der Reiz in der Optik liegt in genau dieser Grätsche, beide Bereiche adäquat abzudecken, also technisch auf dem neuesten Stand zu sein und modische Kompetenz zu beweisen. Zuerst die persönliche Stärke auszuspielen, ist sicherlich sinnvoll. Aber dabei muss es ja nicht bleiben. Als Optiker kann ich mir den Style-Berater ins Haus holen – die Person, die mich bei Fassungen berät, muss ja kein Optiker sein. Und umgekehrt können technisch affine Mitarbeiter oder Optometristen, die den Part der Messung und Untersuchung mit Leidenschaft betreiben, den modischen Brillenladen aufwerten.