Verkauf loser Ware: Unverpackt kommt immer öfter | stores+shops

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Bei Spar Österreich läuft ein Test, an Frischetheken mitgebrachte Behälter zu befüllen und ein Tablett als „Hygieneschleuse“ zu benutzen
Foto: www.derkrug.at.2017

Verkauf loser Ware: Unverpackt kommt immer öfter

Der Verkauf loser Ware zieht Kreise – von den Pionieren der plastik- und verpackungsfreien Läden, die die mitgebrachten Behälter ihrer Kunden befüllen, über Bio-Ketten bis hinein in den klassische Supermarkt und andere Handelssparten. Aber der Unverpackt-Trend polarisiert und bringt eine Reihe noch nicht endgültig gelöster Fragen mit.

Umdasch wagt den Vorstoß: Mit dem „Liquid Dispenser“ entwickelte das Unternehmen einen Apparat, der das Wiederbefüllen von Mehrweggebinden mit flüssigen Substanzen ermöglicht. Selbsterklärend und wie ein Kaffee-Automat mit Knopfdruck zu bedienen, macht es der „Liquid Dispenser“ den Kunden leicht. Er ist so konstruiert, dass Verunreinigungen vermieden werden und damit auch kein personalintensiver Wartungsaufwand entsteht, wie die Erfahrungen im Echtbetrieb im Supermarkt Adeg Hubmann in der Steiermark zeigen.

Mit diesem ersten Projekt will Umdasch die Diskussion um das plastikfreie Einkaufen auf breiter Ebene vorantreiben und die Refilling-Systeme für Flüssigprodukte und Trockensortimente zusammen mit dem Handel weiterentwickeln, massentauglich und multiplizierbar machen.

Zurzeit wird der Unverpackt-Trend in vielen Handelssparten erkundet, in Feldversuchen getestet und durchaus kontrovers diskutiert, da in der Praxis noch eine Reihe Hürden zu überwinden sind. Dennoch ist das Thema, dauerhaft befeuert durch Umweltproblematik und Verpackungsgesetz, hochgradig virulent.

Hohe Aktualität

Nachdem das verpackungsfreie Einkaufen vor rund fünf Jahren von jungen Start-ups zum Ladenkonzept erhoben wurde, versuchen sich, verschiedenen Auflistungen im Internet zufolge, inzwischen über 100 Stores daran, Nudeln, Reis, Cerealien und Hülsenfrüchte, Speiseöle und Essig, Spülmittel und sogar Weine mittels Abfüllstationen und Mehrwegbehältern zu verkaufen und darauf ein Geschäftsmodell zu gründen. „Zurzeit kommt es ausnahmslos in jedem Kundengespräch auf den Tisch“, betont Daniel Kükenhöhner, Inhaber der auf Bioladen- und Reformhaus- Konzepte spezialisierten Planungs-und Ladenbaufirma Petzinger.

Wiederbefüllbare Smartbags statt Wegwerfsackerl bei MPreis in Österreich

Wiederbefüllbare Smartbags statt Wegwerfsackerl bei MPreis in Österreich
Foto: MPreis/Dominic Erschen

Auch im konventionellen LEH und in verschiedenen anderen Handelssparten stehen Strategien zur Vermeidung und Reduzierung von Plastikverpackung weit oben auf der Agenda, wie Einzelmaßnahmen aus den letzten Monaten zeigen: 

Rewe, Edeka, M-Preis in Österreich, Alnatura u. a. bieten in ihren O+G-Abteilungen Veggiebags bzw. Mehrwegnetze an als Alternative zu den Knotenbeuteln aus Plastik.

Edeka führte Mitte letzten Jahres ein Mehrwegsystem für die Frischetheken ein: Einmalig erwirbt der Kunde eine Mehrwegdose, in der Wurst und Käse über die Theke gereicht werden. Beim nächsten Einkauf gibt er sie, ähnlich dem Pfandglas, in eine Sammelbox im Markt und erhält seine Ware in einer frischen Box, während die gesammelten Gefäße nach der Reinigung wieder an der Theke zur Befüllung bereitgestellt werden. 

Edeka-Händler Dieter Hieber, ein Pionier in Sachen Plastikvermeidung am POS, befüllt bereits seit über zwei Jahren an den Frischetheken seiner Märkte die mitgebrachten Dosen seiner Kunden. Um den Hygienevorschriften Genüge zu tun, reicht das Personal die Dosen ohne sie zu berühren auf Tabletts über die Theke, das Tablett dient also als „Hygieneschleuse“. 20 bis 30 Kunden pro Tag und Markt nutzen laut Hieber das verpackungsfreie Einkaufen inzwischen – zwar mit wachsender Tendenz, „aber noch ein kleines Pflänzchen und mir noch viel zu wenig“, so Hieber. Ein gleiches System führte kürzlich die Spar in drei steirischen Filialen ein.

Neuerdings sind in einigen Supermärkten erste „Milchtankstellen“ eingezogen, also Automaten, an denen die mitgebrachte Milchflasche befüllt werden kann.

Die Bahn-Tochter Service Store DB führte im vergangenen Dezember deutschlandweit in allen Service Stores zusätzlich zur Befüllung des eigenen Mehrwegbechers am Kaffeeautomaten ein, eigene mitgebrachte Brotdosen beim Kauf von Backwaren zu befüllen. Eine Mehrweg-Brotbox aus Edelstahl ist auch erhältlich.

In seinen ersten verpackungsfreien Stores präsentiert Lush die Produkte wie in einem Obst- und Gemüse-Stand. Witzig: Die festen Dusch-Cremes werden in Flaschenform gepresst

In seinen ersten verpackungsfreien Stores präsentiert Lush die Produkte wie in einem Obst- und Gemüse-Stand. Witzig: Die festen Dusch-Cremes werden in Flaschenform gepresst
Foto: Lush

Das britische Kosmetiklabel Lush hat vor wenigen Monaten in Mailand und in Berlin seine ersten „Naked“-Filialen eröffnet. Deo, Shampoo, Körperlotion und andere landläufig eher flüssige Kosmetikartikel stellt Lush in fester Konsistenz her, um sie verpackungsfrei an die Kunden weitergeben zu können. Die Produktbeschreibungen werden mittels App auf Fairphones in der Filiale bereitgestellt oder auf Wunsch auf umweltfreundlichem Papier ausgedruckt. 

Toom richtete in seinem Kölner Pop-up-Store Mitte letzten Jahres einen Lose-Verkauf von Blumenerde ein, die in Papiertüten geschaufelt und abgewogen wurde. „Gerade in urbaner, innerstädtischer Lage sind die Kunden daran interessiert, schnelle und einfache Mitnahmeprodukte zu haben. Darüber hinaus benötigt man in der Regel selten einen 20-Liter-Sack Erde für eine kleine Balkonbepflanzung“, erklärt Kai Battenberg, Senior Manager Sustainability bei Toom. Der Einkauf nach Mengenbedarf kam im Pop-up „Stadtgrün“ sehr gut an, so bestätigt er, wird aber vorerst nicht auf bestehende Filialen ausgeweitet, wo die Kunden mit dem Pkw vorfahren.

Dass diesen Schritten zur Verpackungsvermeidung auch im konventionellen Einzelhandel in Zukunft weitere folgen werden, davon zeigt sich nicht nur Philippe Bernard, Sales Director für einige mitteleuropäische Länder bei Trade Fixtures überzeugt. Das Unternehmen ist seit 1982 auf die Herstellung von Gefäßen, Spenderstationen und das Zubehör für Schüttgut und den Lose-Verkauf spezialisiert. Die sogenannten Bins, meist transparente Röhren oder Boxen aus Kunststoff oder Glas, kommen auch zum Beispiel im Süßwaren- und Heimtierbereich zum Einsatz.

Das „klassische“ Abfüllregal für loses Trockensortiment in einem amerikanischen Supermarkt

Das „klassische“ Abfüllregal für loses Trockensortiment in einem amerikanischen Supermarkt
Foto: Trade Fixtures

„In Frankreich explodiert das Thema förmlich. Dort gibt es 300 Unverpackt-Läden, und inzwischen haben viele Supermärkte, darunter auch Handelshäuser wie Carrefour oder E.Leclerc, integrierte Lose-Ware-Shop-in-Shops oder bis zu sechs Regalmeter mit Abfüllstationen eingerichtet“, sagt Bernard. Auch in den skandinavischen Ländern gibt es laut Dieter Hieber in einigen Supermärkten bereits „ganze Regalschluchten“ mit loser Ware.

In Deutschland zieht das Thema weiter an. „Anfang 2018 waren es 30, inzwischen haben wir schon 90 Läden ausgestattet. Auch einige Bioladen-Ketten haben erste Tests mit integrierten Unverpackt-Shops gemacht und beginnen, Corners für den Lose-Ware-Verkauf zu installieren“, sagt Philippe Bernard. Die klassischen Supermärkte seien noch vorsichtig, meldeten aber Interesse und Informationsbedarf an. Denn viel Know-how und Beratung ist erforderlich, um Unverpackt-Systeme auf einer Fläche nicht nur zu installieren, sondern auch reibungslos zu betreiben.

Bernard erläutert einige typische Fehler: „Werden die Bins im Ladenbau zu hoch geplant, kommen kleine Kunden nicht ran. Hygiene ist das A und O. Wenn’s an den Abfüllstationen nicht sauber zugeht, bleiben die Kunden weg. Kunden, die zu viel abgezapft haben und die Ware dann liegen lassen, gibt es auch.“ Zunehmend werden in die Spender daher automatische Portionier-Mechanismen eingebaut. Teures Glas oder günstigerer Kunststoff, der womöglich Mikroplastik absondert, ist ein Thema und schließlich auch der Kostenfaktor für Spender flüssiger Substanzen wie Öl oder Duschgel, die inzwischen mit Elektropumpe ausgestattet werden, wie man beim Unternehmen Unverpackt Solutions bestätigt.

Logistik neu denken

„Hoher Reinigungs- und Hygienebedarf der Stationen und damit massiver Personaleinsatz; wie kommuniziere ich MHD und andere Produktinformationen; ist genug Platz zum Lagern der größeren Gebinde vorhanden; welche Liefereinheiten sind überhaupt erhältlich und praktikabel; gibt es eine ausreichend große Spülmaschine zur Reinigung der Bins – der Klärungsbedarf ist enorm“, betont auch Daniel Kükenhöhner von Petzinger.

„Die Idee der Abfüllstationen für lose Ware ist gut, aber sie muss eben auch Sinn ergeben in der Gesamtlogistik. Ein Regal dafür zu bauen ist nicht das Problem, sondern die erforderlichen Abläufe in den Griff zu bekommen. Zumindest bei den Bioläden steht die Wirtschaftlichkeit in den meisten Fällen noch in keinem Verhältnis zum Aufwand.“

Und schließlich hakt es oft auch beim Verbraucher, der bekanntermaßen weniger konsequent handelt, als es ihm selber lieb wäre. Zwar geht aus einer Umdasch-Studie hervor, dass von 1.000 Befragten in Deutschland, Österreich und der Schweiz ganze 92 Prozent mehr Einsatz bezüglich nachhaltiger Alternativen am POS von Handel und Industrie erwarten und Möglichkeiten zur Wiederbefüllung von Verpackungen wünschen. Der Alltag zeichnet aber noch ein anderes Bild: „Auch vom Kunden erfordert es erhebliche logistische Vorausplanung, und von One-Stop-Shopping kann dabei kaum eine Rede sein“, meint Kükenhöhner. Und Dieter Hieber sagt: „Das Mehrweg-System in einen Tagesablauf einzuplanen verlangt, an den eigenen Gewohnheiten zu feilen.“ Das ganze Verpackungsthema, so Hieber, ist ein Langfrist-Projekt. „Und ich sehe hier noch großen Handlungsbedarf vonseiten der Gesetzgebung.“

redaktion@ehi.org