Die frisch verpackte Bratwurst im Supermarktregal sieht auf den ersten Blick tadellos aus: appetitlich rosa, sauber eingeschweißt, versehen mit einem Mindesthaltbarkeitsdatum. Doch was dieses Datum nicht verrät, ist, ob die Kühlkette lückenlos eingehalten wurde. Ein kurzer Aufenthalt an einer warmen Laderampe im Sommer reicht aus, um die Haltbarkeit zu verkürzen. Ist die Wurst wirklich noch frisch? Für Handel und Verbraucher oft ein Abwägen. Aus Vorsicht wird oft entsorgt, was eigentlich noch genießbar wäre. Die Folge: In Deutschland landen jedes Jahr mehr als zehn Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll.
Frische-Check per App
Genau hier setzt die Idee von Dr. Claudia Waldhans von der Universität Bonn an: eine smarte Verpackung, die Klarheit liefert. Die Lebensmitteltechnologin hat mit ihrem Team eine App entwickelt, die die Haltbarkeit von Frischeprodukten nicht mehr nur durch ein starres Mindesthaltbarkeitsdatum angibt, sondern dynamisch – abhängig davon, welchen Temperaturen das Produkt in der Lieferkette ausgesetzt war.
Und so funktioniert die App: Ein auf der Verpackung aufgedrucktes Etikett, ein sogenannter Zeit-Temperatur-Indikator (TTI), verfärbt sich je nach Temperatur – schnell bei Wärme, langsam bei optimaler Kühlung. Mit der Smartphone-Kamera wird der Farbwert gescannt. Die App gleicht diesen Messwert mit hinterlegten Haltbarkeitsmodellen ab, die auf umfangreichen Labordaten beruhen, und errechnet daraus die verbleibende Haltbarkeit. So entsteht aus einer simplen Farbänderung eine konkrete Prognose in Tagen.
„Bisher waren diese Farbveränderungen objektiv nur schwer zu beurteilen”, sagt Waldhans. „Man konnte den Verlauf sehen, aber immer nur mit dem bloßen Auge. Mit der App lässt sich der Prozess anhand von Daten und Algorithmen standardisieren.“ In Pilotstudien mit Schweinebratwurst und Fertigsalaten konnte Waldhans zeigen, dass das System im Handel funktioniert. „Wir haben die App direkt im Supermarkt eingesetzt und gesehen, dass sie zuverlässig die Resthaltbarkeit der Produkte anzeigen konnte.“
Weniger Ausschuss
Für den Handel liegt hier viel Potenzial. Produkte, die noch haltbar sind, müssen nicht vorschnell entsorgt werden. Gleichzeitig lassen sich Resthaltbarkeiten in der Disposition berücksichtigen, sodass sich Waren gezielter verteilen lassen. Auch eine flexiblere Preisgestaltung wird möglich: Lebensmittel mit verkürzter Haltbarkeit können günstiger angeboten werden, anstatt sie abzuschreiben. Und nicht zuletzt schaffen nachweisbare Kühlkettendaten mehr Transparenz und stärken das Vertrauen gegenüber Kund:innen und Lieferanten. „Wir konnten zeigen, dass die Technik funktioniert. Jetzt braucht es Akteure, die sie weiterentwickeln und im Handel einsetzen.“ Damit die Bratwurst im Regal nicht nur frisch aussieht – sondern auch ein simpler Scan beweist, dass sie es wirklich ist.
Für die Entwicklung des Systems zur Temperatur- und Haltbarkeitskontrolle wurde Dr. Claudia Waldhans mit dem Wissenschaftspreis 2025 der EHI Stiftung und GS1 Germany in der Kategorie „Beste Dissertation“ ausgezeichnet.

