Die Investition für das neue System liegt laut Otto initial zunächst im zweistelligen Millionen-Euro-Bereich. Langfristig plant der Handelskonzern den Einsatz an bis zu 120 Logistikstandorten. Technologisch basiert die Lösung auf Nvidia Omniverse und Isaac Sim. Der sogenannte „Robotic Coordination Layer“ soll die nahtlose Integration und Koordination verschiedener Robotersysteme in den Logistikzentren ermöglichen und damit einen neuen Standard für Effizienz und Skalierbarkeit in der Handelslogistik setzen.
Digitaler Zwilling

Otto will moderne, zukunftsfähige Arbeitsplätze für Mitarbeitende schaffen
Foto: Otto Group
Herzstück der Initiative ist ein virtuelles Navigations- und Kommunikationssystem, das sämtliche Roboter in den Logistikzentren miteinander vernetzt. Die Software wird vollständig auf der Cloud-Infrastruktur von Google betrieben. Als erster operativer Standort dient das Logistikzentrum von Hermes Fulfilment in Löhne. Für das Pilotprojekt hat die Otto Group einen digitalen Zwilling des Logistikzentrums erstellen lassen. Dieser visualisiert die Echtzeit-Positionen und -Bewegungen aller Roboter und ermöglicht eine interaktive Steuerung der Abläufe.
Bei der Erstellung kamen Reality-Capture-Technologien zum Einsatz, unterstützt durch Sensor- und Kameradaten, die der mobile Roboter „Spot“ von Boston Dynamics während der Vermessung des Lagers erfasste. Mit dem digitalen Zwilling kann die Otto Group Lagerbereiche zur Prozessoptimierung virtuell rekonfigurieren und dynamische Simulationen für das Peak-Management durchführen. So lassen sich verschiedene Volumenszenarien simulieren, um den optimalen Bedarf an Robotern und Mitarbeitenden zu ermitteln. Zudem integriert das System Tools für das Roboterflottenmanagement und das Warehouse Management System.
Pilot startet 2026
Die Implementierung in Löhne soll nach Angaben von Kay Schiebur, Konzernvorstand Services der Otto Group, schätzungsweise sechs bis neun Monate dauern und als Blaupause für den späteren netzwerkweiten Roll-out dienen. „Vor mehr als drei Jahren haben wir begonnen, KI und Robotik in der Logistik einzusetzen. Unsere bisherigen Erfahrungen belegen das enorme Potenzial für mehr Effizienz und besseren Service“, erklärt Schiebur. „Durch die neue Infrastruktur sind wir in der Lage, Robotik-Lösungen in den komplexen Intralogistikabläufen schnell zu skalieren und unsere führende Position als verantwortungsbewusstes Unternehmen, insbesondere in Europa, zu stärken.“
Nach dem Pilotprojekt soll die Otto Group One.O die Weiterentwicklung des Systems sowie dessen Governance verantworten. Die langfristige Vision des Handelskonzerns umfasst die vollständige Digitalisierung des gesamten Lagerökosystems – von Roboterflotten über konventionelle Automatisierungstechnik wie Sortieranlagen bis hin zu integrierten Sensoren für Palettengrößenerkennung und Torsteuerung.
Zentrale Funktionen

Der mobile Roboter „Spot“ von Boston Dynamics erfasst bei der Vermessung des Lagers Sensor- und Kameradaten
Foto: Otto Group
Mit dem „Robotic Coordination Layer“ können unterschiedliche Robotertypen – etwa autonome mobile und stationäre Roboter und auch solche von verschiedenen Herstellern – effektiver zusammenarbeiten und sich Aufgaben sowie Ressourcen teilen. Das System ermöglicht zudem die Integration neuer Roboterlösungen und eine schnellere Anpassung an sich ändernde Anforderungen.
Neue Betriebsmethoden lassen sich in der virtuellen Umgebung testen, bevor sie in realen Umgebungen implementiert werden, was zeitsparend wirkt und Störungen vorbeugen kann. Teams erhalten einen übersichtlichen Zugriff auf alle Roboteraktivitäten, wodurch Managementprozesse vereinfacht werden sollen. Anwender:innen mit unterschiedlichen Rollen und Berechtigungen können kollaborativ auf Roboter-Workflows zugreifen und diese steuern. Das Unternehmen verspricht sich von der Technologie eine verbesserte Kundenerfahrung durch optimiertes Spitzenlastmanagement und gesteigerte Gesamteffizienz. „Wir wollen unsere Performance weiter steigern und so unsere Zukunftsfähigkeit sichern“, sagt Schiebur.
Investition und Perspektiven
Ziel der Otto Group ist nach eigener Aussage ein intelligentes, remote steuerbares Logistikzentrum, das sich schnell an veränderte Anforderungen anpasst. Als Folge des Vorhabens soll nach Angaben von Schiebur kein Arbeitsplatz wegfallen.
Die Otto Group unterhält rund 120 Logistikstandorte, an denen das System perspektivisch eingesetzt werden könnte. Die Initiative bildet laut Otto einen Baustein im langfristigen Plan des Konzerns, neue Chancen durch den Einsatz modernster Technologien zu nutzen. Die Otto Group investiert nach eigenen Angaben insgesamt 350 Mio. Euro in die Digitalisierung ihrer Geschäftsmodelle.

