Während Konsumenten heute noch selbst suchen, filtern, vergleichen und kaufen, werden zukünftig digitale Agenten diese Schritte zunehmend übernehmen. Sie recherchieren Produkte, bewerten Preise, prüfen Verfügbarkeit und lösen Bestellungen eigenständig aus – etwa über Wallets oder virtuelle Karten. Erste Kooperationen großer Technologie- und Zahlungsanbieter zeigen, dass diese Entwicklung insbesondere in den USA bereits praktische Relevanz gewinnt. Für den Handel stellt sich damit eine grundlegende Frage: Welche Rolle bleibt dem Händler, wenn Kaufentscheidungen nicht mehr im Frontend, sondern in der Entscheidungslogik einer KI getroffen werden? Sichtbarkeit entsteht künftig weniger über emotionale Bildwelten oder optimierte Customer Journeys, sondern darüber, ob ein Agent ein Angebot technisch erfassen, verstehen und vergleichen kann. Damit verschiebt sich die Wertschöpfung im E-Commerce vom Interface in die Daten- und Prozesslogik.
Maschinenlesbarkeit Pflicht
Zentrale Voraussetzung für Agentic Commerce sind vollständig maschinenlesbare Produktdaten. Entscheidend ist nicht mehr die visuelle Darstellung, sondern die Präzision strukturierter Informationen: eindeutige Attribute, konsistente Datenmodelle und semantische Markups. Händler mit lückenhaften oder uneinheitlichen Katalogen riskieren, in der Vorauswahl der Agenten nicht berücksichtigt zu werden. Damit gewinnt Datenqualität erstmals unmittelbare Relevanz für Umsatz und Reichweite. Diese Entwicklung wirft zugleich rechtliche Fragen auf. Auch wenn eine KI auswählt, bleibt der Verbraucher Vertragspartner. Informations- und Transparenzpflichten des Händlers gelten unverändert. Händler müssen sicherstellen, dass alle rechtlich erforderlichen Angaben vollständig, korrekt und nachvollziehbar bereitgestellt werden – unabhängig davon, ob ein Mensch oder ein Agent den Kauf auslöst.
Rechtlich besonders anspruchsvoll ist die Zahlungsauslösung über Agenten, wenn Kreditkarten, Paypal oder Überweisungen genutzt werden sollen.
Dr. Matthias Terlau
Agent Visibility statt klassischer UX
Agenten ersetzen menschliche Aufmerksamkeit als knappes Gut. An die Stelle klassischer Conversion-Optimierung tritt die Optimierung der Auffindbarkeit im Backend. Ähnlich wie bei Suchmaschinen entscheidet eine Vielzahl von Signalen über Relevanz und Priorisierung: Preis, Lieferzeit, Nachhaltigkeitsmerkmale oder Retourenbedingungen. Händler müssen verstehen, wie diese Kriterien technisch gewichtet werden, um im Entscheidungsmodell der Agenten präsent zu bleiben.
Agentenfähige Checkout-Prozesse
Autonome Käufe setzen voraus, dass Bestell- und Zahlungsprozesse über APIs abgebildet werden können. Agenten benötigen klar definierte Schnittstellen zur Produktauswahl, Bestellung und Zahlungsauslösung. Parallel müssen auch Retouren, Reklamationen und Stornos automatisiert verarbeitbar sein. Technische Standards entstehen derzeit, sind aber noch nicht etabliert.
Wer Agentic Commerce ignoriert, riskiert schrittweise an Relevanz zu verlieren – nicht im Schaufenster, sondern im Entscheidungsmodell der KI.
Henning vorm Walde
Rechtlich besonders anspruchsvoll ist die Zahlungsauslösung über Agenten (Agentic Payment), wenn Kreditkarten, Paypal oder Überweisungen genutzt werden sollen. Lastschriftenzahlungen über Agenten sollten dagegen einfacher abzuwickeln sein. Auch über Stable Coins sollten Händler nachdenken. Für Kartenzahlungen ist nach aktuellem und zukünftigem (PSD3/PSR) Zahlungsdiensterecht grundsätzlich eine starke Kundenauthentifizierung erforderlich. Kartenorganisationen entwickeln derzeit neue Schnittstellen und Verfahren, um tokenisierte Karten- und Authentifizierungsdaten für Agentic Payments nutzbar zu machen. In der Praxis kommen vorab erteilte Mandate in Betracht, die nach einmaliger Authentifizierung Zahlungen innerhalb klar definierter Grenzen erlauben. Die rechtssichere Ausgestaltung solcher Modelle ist komplex und erfordert eine enge Abstimmung zwischen Händlern, Zahlungsdienstleistern und Plattformen.
Haftungs- und Chargeback-Fragen
Im Grundsatz ist der Nutzer selbst für Fehlbestellungen, falsche Größen oder unpassende Empfehlungen „seines“ Agenten verantwortlich. Für den Onlinehandel bedeutet dies jedoch unter Umständen ein erhöhtes Aufkommen an Rücksendungen. Auch Widerrufs- und Chargeback-Rechte greifen weiterhin. Für Händler bedeutet das: Prozesse zur Nachvollziehbarkeit von Agentenentscheidungen, zur Klärung von Haftungsfragen und zur Streitbeilegung müssen weiterentwickelt werden. Ohne dokumentierte Entscheidungslogik lassen sich Konflikte kaum sachgerecht lösen.
Agentic Commerce
Agentic Commerce ist kein kurzfristiger Hype, aber auch noch kein Massenphänomen. Dennoch sollten Händler jetzt handeln: Prototyping starten, um agentenbasierte Use Cases und Datenlücken frühzeitig zu erkennen.
- Produktdaten strukturieren und an gängigen Standards globaler KI- und Payment-Anbieter ausrichten.
- Agent Visibility durch konsistente Attribute sowie klare Preis- und Lieferinformationen aufbauen.
- API-first-Architekturen etablieren, inklusive Checkout-, Mandats- und Retourenprozessen.
- Payment- und Fraud-Modelle modernisieren, um agentengesteuerte Zahlungen rechtssicher abzubilden.

