Das Angebot an Intralogistiklösungen hat sich in den vergangenen Jahren erheblich verbreitert. Neben etablierten Systemen wie Shuttles, Miniloads und klassischer Fördertechnik drängen Rack Climbing Robots, Cube-Systeme und Autonome Mobile Roboter in den Markt, darunter zunehmend Anbieter aus Asien mit wettbewerbsfähigen Preisen. Gleichzeitig steigen die Leistungswerte bestehender Systeme, die Grenzen zwischen den Technologiekategorien verschwimmen.

Unterfahrroboter heben Regalwagen an und transportieren sie autonom zu den Kommissionierarbeitsplätzen
Foto: Deichmann
Laut Miebach Consulting, das Deichmann beim jüngsten Logistikprojekt in der Schweiz begleitete, gibt es dabei kein Pauschalurteil: Traditionelle Automatisierung zeichne sich durch hohen Durchsatz aus, sei aber starr. NextGen-Systeme seien flexibel und skalierbar, in der Peakleistung aber etwas weniger effizient. Je nach Geschäftsmodell und Wachstumssituation seien beide Ansätze richtig. Im Vordergrund stehe heute vor allem die Frage der Systemoffenheit: Viele Händler betreiben nicht mehr nur ein System in ihrem Lager.
Omnichannel in Luterbach
Für Deichmann war das stark gestiegene E-Commerce-Wachstum in der Schweiz der Auslöser für ein Automatisierungsprojekt. Die Deichmann-Gruppe ist mit rund 4.700 Stores in ca. 30 Ländern präsent, erzielt nach eigenen Angaben einen Jahresumsatz von rund 8,9 Mrd. Euro und beschäftigt etwa 50.000 Mitarbeitende. In der Logistik betreibt die Gruppe 15 Distributionszentren in Europa mit rund 1.500 Mitarbeitenden, knapp 400.000 qm Lagerfläche und einer eigenen LKW-Flotte. In der Schweiz führt Deichmann neben den Schuhhandelskonzepten Dosenbach und Ochsner Shoes das Sporthandelskonzept Ochsner Sport. Um das Omnichannel-Wachstum dieser Marken abzubilden, entstand am bestehenden Standort Luterbach ein Anbau von 17.000 qm. Go-Live war im Februar 2025.
Der Verzicht auf starre Fördertechnik gibt uns eine Flexibilität, die wir mit klassischen Systemen nicht hätten.
Jan MüllerHerzstück der Anlage ist ein Rack-Climbing-System des Anbieters Exotec: 101 Skypod-Roboter bewegen sich dreidimensional in den Regalstrukturen. Acht Safelog-AGVs übernehmen den Behältertransport, die Fördertechnik lieferte UBH, das Lagerverwaltungssystem PSI. Auf 167.000 Behälterstellplätzen werden rund 250.000 Artikelvarianten vorgehalten. Diese hohe SKU-Anzahl ergibt sich aus den drei Handelskonzepten unter einem Dach.

Autonome mobile Roboter übernehmen in Luterbach den Transport von Kommissionierwagen zwischen den Lagerbereichen
Foto: Deichmann
Das Projekt war technisch komplex: Es mussten parallel ein Intralogistiksystem und ein neues Lagerverwaltungssystem eingeführt werden. Die Planung startete 2022; Bau, Logistik- und Softwareeinführung liefen bis Ende 2024. „Der Verzicht auf starre Fördertechnik gibt uns eine Flexibilität, die wir mit klassischen Systemen nicht hätten. Wenn wir mehr Kapazität brauchen, erweitern wir die Regalstruktur. Wenn wir mehr Durchsatz brauchen, fügen wir einfach zusätzliche Roboter hinzu“, sagt Jan Müller, Chief Supply Chain Officer bei Deichmann.
Ruhe durch Robotik
Die Filialversorgung im stationären Handel läuft über einen anderen Prozess: Sortimentskartons aus Asien werden nicht vereinzelt, sondern direkt an die Filialen weitergeleitet. Den nächsten technologischen Schritt bildet die automatisierte Kommissionierung von Schuhkartons: Erste Anbieter entwickeln Greifsysteme für neue Verpackungsformate. Auch die automatisierte LKW-Entladung wird geprüft, erfordert jedoch spezifische Rampenvoraussetzungen und muss wirtschaftlich gegengerechnet werden. „Was neben den kommerziellen Aspekten hervorzuheben ist: Durch die Robotik ist es in der Anlage sehr ruhig. Das schafft eine angenehme Arbeitsumgebung im Pick-&-Pack-Bereich“, sagt Müller. Zwei Drittel des Energiebedarfs der Anlage werden über Photovoltaik gedeckt, ein Drittel über Fernwärme. Damit soll der Standort als Teil der Weiterentwicklung hin zu energieeffizienten und nachhaltigeren Lieferketten zur Reduzierung des CO₂-Fußabdrucks in der Logistik beitragen.
Die Nutzenpunkte des Systems, die Deichmann beim EHI-Handelslogistikkongress LOG im April 2026 präsentierte, lassen sich in vier Kategorien zusammenfassen: höhere Effizienz durch schnellere Bestellabwicklung, optimierte Lagerprozesse mit geringerer Fehlerquote, einfache Kapazitätserweiterung durch modulare Regalsysteme sowie flexible Leistungsskalierung durch zusätzliche Roboter.
Wir setzen fahrerlose Transportfahrzeuge und ein zweistufiges Kommissionierungssystem mit Pickrobotern ein, die effiziente Logistikprozesse ermöglichen.
Christian Kleinedm baut in Wustermark
Bei dm-Drogeriemarkt stand beim seit Januar in der Realisierungsphase befindlichen Neubau in Wustermark bei Berlin vor der Technologieentscheidung ein Ideenwettbewerb. Das neue Zentrum soll ein prognostiziertes Volumenwachstum von 40 Prozent und ein Artikelwachstum von 25 Prozent auffangen; 180 Mio. Picks pro Jahr sind dabei die zentrale Planungsgröße. Die Kapazitäten im bestehenden Netzwerk für Kleinteile und dekorative Kosmetik reichen nach Unternehmensangaben noch bis 2029. In einer RFI-Phase Anfang 2025 entwickelten fünf Intralogistikanbieter eigenständige Konzepte für den Materialfluss. Die Anforderungen: Automatisierung ja, aber sinnvoll eingesetzt – kein Prototyping, geringe Abhängigkeiten zwischen Prozessschritten, maximale Flexibilität bei Veränderungen.

Visualisierung des im Bau befindlichen Kleinteilezentrums von dm im brandenburgischen Wustermark
Foto: dm-Drogeriemarkt
Das Konzept des jetzigen Logistiktechnikpartners, des österreichischen Anbieters TGW, das aus diesem Wettbewerb hervorging, sieht eine zweistufige Kommissionierung vor. Der Materialfluss umfasst ein Hochregallager mit AGV-Flotte im Wareneingang, ein Shuttle-Lager, eine Warenvereinzelungsstation für versandfertige Picks, einen Taschenpuffer mit Matrix-Sorter, ein Konsolidierungsshuttle sowie Packplätze für Marktbehälter.
Deutschlandweite Belieferung
„Die Entwicklung des Areals erfolgt in mehreren Schritten: Im dritten Quartal 2026 beginnt die Erschließung des Grundstücks. Ende 2026 bis Anfang 2027 soll das Parkhaus entstehen. Der Bau der Logistikhalle ist für Frühjahr bis Sommer 2027 angedacht“, sagt Christian Kleine, Projektkoordinator Kleinteile-Verteilzentrum bei dm. Der Nutzungsbeginn ist für Sommer 2029 geplant, gefolgt von einer Hochlaufphase von rund sechs Monaten. „Vom neuen Verteilzentrum in Wustermark werden wir dm-Märkte von der Nord- und Ostseeküste bis in den Norden Bayerns beliefern. Insgesamt umfasst das Einzugsgebiet rund 50 Prozent der dm-Märkte“, so Kleine.
Auch beim Thema Nachhaltigkeit hatte dm konkrete Vorgaben: Das Energiemanagement von TGW sieht im Rahmen seiner „Smart Energy Strategy“ nun Rekuperation der Bremsenergie der Lagerroboter, automatisches Abschalten nicht benötigter Anlagenteile, Photovoltaik auf dem Hallendach sowie erneuerbare Energien zur Wärmeerzeugung vor. Langfristig plant dm am Standort Wustermark einen Ausbau auf zwei Hallen.

