„Fahren auf Sicht“: Ladenplanung in der Corona-Krise | stores+shops

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Hygiene- und sonstige Sicherheitsmaßnahmen am POS bestimmten zuletzt die Arbeit der Ladenplanungsabteilungen im Handel.
Foto: STEKLO_KRD/stock.adobe.com

„Fahren auf Sicht“: Ladenplanung in der Corona-Krise

Lediglich 20 Prozent der gut 475.000 Einzelhandelsbetriebe konnten ihre Geschäfte während des Shutdowns weiter öffnen. Seit dem 20. April dürfen es auch Geschäfte mit bis zu 800 qm Verkaufsfläche sowie Läden einiger anderer Branchen wieder. Eine Rückkehr zu einem ansatzweise normalen Betrieb scheint für nahezu alle Händler in weite Ferne gerückt. Es herrscht ein „Fahren auf Sicht“, so die Aussage der verantwortlichen Leiter/innen der Bau- und Planungsabteilungen aus rund 20 führenden Handelsunternehmen des EHI-Netzwerks.

In den letzten Wochen bestimmte die Vorbereitung und kurzfristige Umsetzung von Hygiene- und sonstigen Sicherheitsmaßnahmen am POS die Arbeit der Ladenplanungsabteilungen im Handel – auch jener Branchen, deren Läden schließen mussten, in denen man sich aber dennoch bereits auf die Zeit nach dem Shutdown vorbereitet.

Bestimmten anfangs verschiedene Provisorien das Bild in vielen Stores – oft durch die Eigeninitiative von Marktleitern und Inhabern aus dem selbständigen Einzelhandel geprägt – wurden die Schutzvorrichtungen inzwischen über die zentralen Ladenplanungsabteilungen weiter optimiert und folgen nun einer weitgehend einheitlichen Gestaltung in den Unternehmen. Unterstützung erhielten zwei Drittel der Ladenplaner von den bewährten Ladenbaupartnern. Auch Anbieter wie u. a. Großhändler für Plexiglas und Anbieter von Warentrennsystemen und Messebaufirmen haben sich als wichtige Partner erwiesen.

Da man überwiegend damit rechnet, dass die Schutzmaßnahmen für Mitarbeiter und Kunden am POS noch länger präsent bleiben, ist man um optisch ansprechende Lösungen bemüht. Die meisten Unternehmen setzen auf eine flexible Variante, indem die Schutzscheiben in seitlichen Schienen verlaufen oder über Klemmen am Kassentisch befestigt werden, die sich auch wieder leicht entfernen lassen.

Planungen von Um- und Neubauprojekten

Die wirtschaftlichen Entwicklungen im Zuge der Corona-Pandemie haben bei allen befragten Händlern dazu geführt, dass laufende Um- und Neubauprojekte neu bewertet und ausgerichtet wurden. Das Ergebnis reicht dabei von einer weitgehend unveränderten Fortführung bereits geplanter Bauprojekte über eine Reduzierung von Umbaumaßnahmen bis hin zu einem kompletten Stopp der Bautätigkeit bei drei Unternehmen, deren Läden schließen mussten. Kostenreduktion und eine Sicherung von Liquidität insbesondere durch Kurzarbeit und Gespräche mit Lieferanten, Banken und Vermietern stehen bei all jenen Handelsunternehmen besonders im Fokus, die vom Shutdown betroffen sind.

Werden Umbaumaßnahmen nicht mehr in dem geplanten Umfang durchgeführt, ist dies auch darauf zurückzuführen, dass ein grenzüberschreitendes Arbeiten nicht mehr möglich ist. Zudem dauern Umbauten jetzt viel länger, da aus Sicherheitsgründen deutlich weniger Mitarbeiter auf den Baustellen eingesetzt werden dürfen. In Lebensmittel- und Drogeriemärkten, die von einer Schließung nicht betroffen waren, wurden laufende Bauprojekte rasch umorganisiert, da beispielsweise der Aufbau der Regale und das Einräumen der Ware nicht mehr parallel erfolgen können. Umbautätigkeiten werden aber auch hier teilweise auf bestehenden Flächen reduziert und Projekte aufgrund der hohen Kundenfrequenz in das 3. Quartal 2020 verschoben, um die Sicherheitsabstände einhalten zu können.

Große, vom Shutdown betroffene Filialisten verkürzen laufende Umbauprojekte zudem, um auch diese Läden pünktlich wiedereröffnen zu können. Zugleich unterliegen diese Standorte, in die aktuell investiert wird, in besonderem Maße einer Prüfung auf ihre Zukunftsfähigkeit. Man reduziert Umbaumaßnahmen, auch um im Jahresverlauf weiter handlungsfähig zu bleiben.

Große Nonfood-Filialisten (insbesondere Bekleidungshändler) sowie Lebensmittel- und Drogeriemärkte halten weitgehend an geplanten Neueröffnungen fest, allerdings überwiegend mit einer Verschiebung in die 2. Jahreshälfte bzw. auf das nächste Jahr.

Grenzüberschreitendes Arbeiten nicht mehr möglich

Zusammenarbeit mit den Lieferanten für Ladeneinrichtung

Die Kooperationsbereitschaft zwischen Handelsunternehmen und ihren Lieferanten ist groß. Alle befragten Handelsunternehmen informieren sehr offen über die Fortführung, eine temporäre Reduzierung und/oder Verschiebung oder den vorläufigen Stopp der Bauprojekte und sind hier in einem beständigen Austausch mit ihren Lieferanten. Die mehrheitlich vom Handel in D-A-CH bevorzugte langjährige Zusammenarbeit mit erfahrenen Stamm- oder Vorzugslieferanten bewährt sich jetzt. Alles, was jetzt oder nach einem überschaubaren Zeitraum weiter umgesetzt wird, trägt zur Wertschöpfung und Stärkung der heimischen Wirtschaft bei.

Insbesondere Lebensmittel- und Drogeriemärkte signalisieren ihren Baupartnern und Lieferanten schon jetzt, dass ihre Bauprojekte nur vorübergehend ausgesetzt und in absehbarer Zeit wieder aufgenommen und nachgeholt werden. Damit möchten sich vor allem die Lebensmittelunternehmen schon jetzt Personal- und Materialressourcen sichern, um die Einsatzbereitschaft und Lieferfähigkeit für geplante Neu- und Umbaumaßnahmen bei Bedarf jederzeit zu gewährleisten. Dies gilt insbesondere für Kühlmöbel, die ausschließlich im Ausland produziert werden und bei denen schon vor Beginn der Krise Lieferschwierigkeiten auftraten. Der Lebensmittelhandel erwartet hier in jedem Fall deutliche Lieferengpässe, vor allem zum Jahresende. 

Die klassische Ladeneinrichtung ist nach Meinung der befragten Händler hingegen vorerst nicht von ernsthaften Lieferschwierigkeiten betroffen, auch wenn einige Ladenbauunternehmen ihre Produktion zeitweise zurückgefahren oder ganz eingestellt haben. Im Vorteil dürften Ladenbauer sein, die noch über eine starke nationale Produktionsbasis verfügen und Handelsunternehmen, die ausschließlich oder überwiegend Ladeneinrichtungen national beschaffen, was weiterhin auf einen Großteil des Handels in D-A-CH zutrifft. Mittelfristig, so schätzen es die befragten Ladenbauexperten ein, dürften Lieferanten mit größeren Produktionsstätten im Ausland Lieferprobleme bekommen.

Maßnahmen während des Shutdowns

Vom Shutdown betroffene Handelsunternehmen aus den Bereichen Fashion, Sport, Schuhe, Schmuck und Einrichtung haben zuletzt überwiegend Schutzvorrichtungen und sonstige Sicherheitsvorschriften umgesetzt und die Warenpräsentation und Merchandising aktualisiert, indem Winterware und Osterartikel gegen die aktuellen Kollektionen und Artikel ausgetauscht wurden. Darüber hinaus wurden kleinere Umbau- und Refresh-Maßnahmen durchgeführt – ebenfalls infolge der Reduzierung von Umbauprojekten. Einige Unternehmen richteten auch  größere Sales-Bereiche ein, um Altwaren abschleusen zu können. 

Wichtig war es den Unternehmen auch, Kosten während des Shutdowns einzusparen. Die Energiekosten reduzierten sich um 80 bis 95 Prozent, laufende Wartungs- und Facility Management-Verträge wurden nachverhandelt.

Folgen nach dem Shutdown

Keiner der Befragten hatte mit einer Wiedereröffnung gerechnet, die in dieser restriktiven Form allein die Größe der Verkaufsfläche zugrunde legt. Auch scheint es vielen Händlern nicht schlüssig, warum gerade in den kleineren Läden die Einhaltung von Abstandsregeln besser möglich sein soll als in den größeren Geschäften. Die Vorgaben haben vielmehr zu einer Benachteiligung wesentlicher Unternehmen und Branchen geführt, allen voran der Fashion-Handel mit seinen eher großflächigen Verkaufsräumen. Große Handelsfilialisten mit Stores verschieden großer Verkaufsflächen mussten zuerst prüfen, welche Filialen für eine Wiedereröffnung überhaupt in Frage kommen.

Vorgaben haben zu einer Benachteiligung wesentlicher Unternehmen und Branchen geführt.

Insgesamt zeigen sich die befragten Handelsunternehmen nach eigener Aussage mit der Informationspolitik von Bundes- und Landesbehörden weitgehend zufrieden, hätten sich aber bei der Frage der Ladenöffnungen verlässlichere Informationen mit mehr Vorlauf gewünscht. Bei der weiteren Umsetzung befürchten einige der Befragten vor allem auf kommunaler Ebene ein ähnlich intransparentes und inhomogenes Vorgehen wie bei der Vorgabe von Schutz- und Hygienevorschriften.

Ausblick

Die Umfragen aller bekannten Wirtschaftsforschungsinstitute gehen derzeit von einer deutlichen Eintrübung der bislang so positiven Konsumstimmung aus und damit einem weitreichenden Einbruch beim privaten Konsum – eine Einschätzung, die – mit Ausnahme der Lebensmittel- und Drogeriemärkte – von allen befragten Handelsunternehmen geteilt wird.

Insbesondere im textilen Fachhandel erwartet man teils nicht wieder aufzuholende Umsatzeinbrüche (bei deutlich geringerer Frequenz vor allem an Innenstadtstandorten), da Sicherheitsabstände und Hygienekonzepte die Kundenfrequenz beschränken und damit auch die Umsätze. Viele Kunden mögen sich auch trotz bestehender Maskenpflicht unsicher fühlen. Viele Verbraucher haben finanzielle Einbußen bzw. angesichts der Unsicherheit über die weitere wirtschaftliche Entwicklung ihre Konsumausgaben stark heruntergefahren.

Allerdings ist mit einer weiteren Stärkung des Online-Geschäfts zu rechnen, hat sich dieses doch bei jenen Handelsunternehmen, deren Läden geschlossen waren, als wichtige Umsatzstütze erwiesen. Zwei Drittel der Unternehmen der Stichprobe verfügen über einen Online-Shop, mit dem in den meisten Unternehmen in den letzten Wochen ein Umsatzplus von 20 Prozent und mehr erzielt wurde.

Mit der Möglichkeit, bestellte Ware im Geschäft abholen zu können, kann der stationäre Handel gegenüber dem Online-Handel punkten, der angesichts wachsender Engpässe bei der Logistik an seine Grenzen stößt. So berichten Händler aus der Schweiz, bei Nonfood-Artikeln zeitweise tägliche Bestellkontingente für die Kunden eingeführt zu haben, damit die Logistik der Schweizer Post nicht zusammenbricht. Damit bietet eine Verknüpfung von Stationär- und Online-Geschäft bei einer zugleich vergleichsweise hohen Filialdichte gerade in der aktuellen Krisensituation die Chance zu einer optimalen Ausschöpfung der derzeit möglichen Umsätze. Mit Ausnahme eines Unternehmens erwartet daher auch keiner der Befragten aktuell, dass die Filialnetzdichte im Moment auf den Prüfstand gestellt wird.

Folgen für Handel und Lieferanten

Die Hoffnungen der meisten Händler ruhen auf einer Beendigung des Ausnahmezustandes. Die befragten Handelsunternehmen erwarten ein stärkeres Entgegenkommen der Vermieter bei den Mietkonditionen, vor allem in Shopping-Centern, und rechnen durchaus damit, dass einige Händler dieses Jahr trotz vielfältiger Hilfspakete nicht überstehen werden. Handelsunternehmen, die in den letzten Jahren eine Konsolidierung und Überarbeitung ihres Filialnetzes erfolgreich abgeschlossen haben und zuletzt wieder in eine vorsichtige Expansion eingestiegen sind, werden den Markt hier sehr genau beobachten und sich erfolgversprechende Standorte rechtzeitig sichern.

Dennoch ist vor allem im Nonfood-Handel von einem deutlichen Rückgang der Investitionen in Umbauten oder gar neue Objekte auszugehen. Lediglich Drogerie- und Lebensmittelmärkte halten – wenn auch mit temporären Verschiebungen – an geplanten Projekten fest. Allerdings werden neue Projekte gegenwärtig durch fehlende Baugenehmigungen ausgebremst, da viele Bauämter derzeit nur mit Notbesetzungen arbeiten.

Volumenreduktion und die Verschiebung von Projekten werden demzufolge vor allem für die Ladenbaulieferanten zu einer großen Herausforderung werden. Auch wenn der Handel über alle Branchen hinweg um Solidarität in der Krise und ein partnerschaftliches Miteinander bemüht ist, so erwartet dennoch die Mehrheit der befragten Ladenbauexperten als Folge der Corona-Krise eine Marktbereinigung bei Ladenbauern und Handwerksbetrieben.

Ein Drittel der 20 befragten Handelsunternehmen sind aus der Lebensmittel-Branche. Insgesamt betreiben die Teilnehmer rund 14.400 Filialen.