Gerade in Corona-Zeiten meiden Konsument:innen gerne überfüllte Supermärkte, Kassen-Warteschlangen oder langes Anstehen für den Sofortverzehr von kleinen Snacks. Nicht zuletzt dies hat Frische-Lieferdiensten in letzter Zeit einen Schub verliehen.

Insgesamt 2.400 verschiedene Lebensmittel sowie Frischeprodukte – gleich ob Veggies, Snacks, frisches Brot, Fertiggerichte – und dies zu Supermarkt-Preisen offeriert der selbsternannte Zehn-Minuten-Lieferdienst Flink. Testkäufe zeigen, dass der Name zumeist hält, was er verspricht: Nach der Bestellung via App bleibt oft kaum Zeit, in die Hausschluppen zu schlüpfen und Richtung Tür zu sprinten, denn da klingelt dann bereits der Lieferfahrer. Der Vorreiter der schnellen Lieferung wirbt mit einem Mindestbestellwert von nur einem Euro, bei Lieferkosten von 1,80 Euro. Sein Angebot hat er mittlerweile in 18 deutschen Städten mit 50 zentral gelegenen Lagern aufgebaut. Durch die strategische Partnerschaft mit Rewe (siehe Kasten S.54) bekommt Flink nun zudem Zugriff auf das eingespielte Beschaffungsnetz und das Vollsortiments-Angebot bei Rewe mit bis zu 20.000 bestellbaren Artikeln – und dürfte sich so günstige Einkaufskonditionen und Zugriff auf Eigenmarken sichern.

Pauschale Kampfpreise

Gorillas sorgt mittels intelligenter Warenwirt¬schaft dafür, dass in den Lagern immer genau das Gefragte vorhanden ist.

Gorillas sorgt mittels intelligenter Warenwirt¬schaft dafür, dass in den Lagern immer genau das Gefragte vorhanden ist.
Foto: Gorillas

Auch der aktuell hierzulande am schnellsten wachsende Blitz-Lieferdienst, Gorillas, bringt Lebensmittel mit dem Kernversprechen der Lieferung innerhalb von zehn Minuten. Damit hat sich das Start-up klar als attraktive Alternative zu den großen Liefer-Supermärkten positioniert, bei denen die Bestellung in der Regel mit einer Kombination aus hohem Mindestbestellwert und Lieferkosten verbunden ist, während Gorillas die Ware zum Pauschalkampfpreis von 1,80 Euro nach Hause radelt. Vorteil: Der Kunde muss sich nicht um freie Lieferzeitfenster bemühen oder sich durch undurchsichtige Preisaufschlags-Labyrinthe quälen.

Neben klassischen Markenartikeln im App-Sortiment gibt es hier auch Eigenmarken unterschiedlicher Handelsketten: u. a. Alnatura, Edeka und Kaufland. Der wesentliche Fokus liegt auf vegetarischen und veganen Produkten, Snacks, frischem Obst und Molkereiprodukten. Wer aber Lust auf knuspriges Hähnchen oder Gemüse-Sticks hat, muss auf Tiefkühlgerichte ausweichen. Intelligente Software sagt bei Gorillas den Bedarf der Kundschaft vorher und sorgt dafür, dass in den zentral gelegenen Großstadtlagern immer genau das Gefragte vorhanden ist. Der Erfolg hat die Bewertung des Berliner Start-ups, das nach dem Vorbild des amerikanischen Gopuff operiert, bereits auf über eine Mrd. Euro getrieben. „Wir sind keine Geschäftsleute, die einen Lieferservice aufbauen – wir sind Lieferleute, die ein Geschäft aufbauen“, sagt denn auch Gorillas CEO Kağan Sümer.

Wie sich Frische-Lieferungen in kürzester Zeit mit Hilfe von Robotik-Systemen zusammenstellen lassen, zeigt der 24/7-Store von Typy in Düsseldorf.

Wie sich Frische-Lieferungen in kürzester Zeit mit Hilfe von Robotik-Systemen zusammenstellen lassen, zeigt der 24/7-Store von Typy in Düsseldorf.
Foto: Smark

Wie sich solche Blitz-Lieferungen effizient zusammenstellen lassen, zeigt der vollautomatische Store Typy, der kürzlich im Düsseldorfer Medienhafen eröffnet hat. Robotik-Systeme von Smark stellen im Hintergrund in kürzester Zeit die per Smartphone-App bestellten Waren zusammen und geben sie im Store aus. Bei Typy klar im Fokus sind Gastro-Convenience-Produkte wie Bowls, frische Salate, Sandwiches, Smoothies und fertig zubereitete Müslis – zusätzlich zu den gängigen Supermarktprodukten. „Meine Kinder werden vielleicht schon gar keinen Kühlschrank mehr besitzen“, prophezeit Typy-Gründer Maximilian Grönemeyer, dessen Roboter-Store 24/7 für die Kundschaft geöffnet hat, derzeit allerdings noch ohne Lieferservice.

Fahrendes Einkaufszentrum

Handelsexperten rechnen für die Zukunft damit, dass es vermehrt Mischformen von Lebensmittel- und Essenslieferungen geben wird. So setzt auch der aus Finnland stammende Anbieter Wolt in Deutschland nicht nur auf Speisenauslieferungen, sondern sieht sich künftig eher als fahrendes Einkaufszentrum mit einer „App für alles“. In Berlin sind derzeit, neben der klassischen Lieferung von Mahlzeiten, auch Blumen, Wein oder Pralinen auf der Plattform integriert – in Helsinki sogar Schuhe. Wolt arbeitet hierfür mit dem lokalen Einzelhandel zusammen, der über die Wolt-Plattform die Möglichkeit bekommt, seine Waren neben dem Fachgeschäft auch online zu vermarkten, ohne einen eigenen Onlineshop haben zu müssen. Wolt liefert die Bestellung dann innerhalb von 35 Minuten aus.

Bei Wolt glaubt man, dass der Trend klar in Richtung „next 30 min. delivery“ geht.

Bei Wolt glaubt man, dass der Trend klar in Richtung „next 30 min. delivery“ geht.
Foto: Wolt

Die Finnen sind der festen Überzeugung, dass die nächste E-Commerce-Welle den Standard von „same week-“ bzw. „same day delivery” zu „next 30 min. delivery” verschieben wird, so Fabio Adlassnigg, Wolt Communications Manager. Im Lebensmittelbereich unterhält das Unternehmen jetzt schon Kooperationen mit der Kleinmarkthalle in Frankfurt am Main sowie dem Italo-Frischemarkt Eataly in München. Immerhin konnten die mobilen Finnen schon über 700 Mio. Euro Investoren-Kapital einsammeln.

Geringe Margen

Lieferando-Gründer Jörg Gerbig ist eher noch skeptisch, was die profitable Lieferung von Supermarktartikeln anbelangt. Sind doch die Gewinnspannen bei Lebensmitteln deutlich geringer als bei zubereiteten Speisen. Andererseits bleibt dem größten Player auf dem deutschen Markt nichts anderes übrig als mitzuradeln, wenn er seine Position halten will. Er kann dafür freilich mit seiner Megaflotte von 10.000 Kurieren in rund 50 deutschen Städten punkten. Anders als etwa Gorillas betreibt der radelnde Lieferservice aber keine eigenen Warenlager.

In Zusammenarbeit mit dem Convenience-Anbieter Spar Express bringt Lieferando neben frischen Lebensmitteln ebenso Snacks, Wraps, belegte Brötchen, frisches Obst und Salate an die Haustür. Daneben auch ganze Pakete, die passend für verschiedene Anlässe zusammengestellt werden: So gibt es zum Beispiel den Fußball-Pack, bestehend aus einem Sixpack Beck´s und einer Packung Lay´s nach Wahl, oder den Mädelsabend-Pack mit zwei Flaschen Rotkäppchen-Wein und einer großen Packung Merci.

Die Nahrungsmittel-Nahversorgung via E-Bikes begeistert auch den Düsseldorfer Küchenchef Sebastian Lege: In Asien und in den USA sei dies längst gang und gäbe, schildert er. So sind beim US-Platzhirschen Doordash heute schon sieben Prozent aller Bestellungen On-Demand-Food-Lieferungen. Doch egal, wie viele Milliarden man da jetzt reinstecke, irgendwann müsse man damit letztlich auch Geld verdienen – „das wird sportlich“, glaubt Rewe-Vorstandschef Lionel Souque.

 

Letzte Meile: Das Rad wird zum Renner

dm und Rewe setzen für Auslieferungs-Fahrten auf das flexible, ressourcenschonende Zustell-Vehikel

Dank Express-Lieferung erhält die dm-Kundschaft bei einer Bestellung bis 16 Uhr ihre Waren noch am gleichen Tag.

Dank Express-Lieferung erhält die dm-Kundschaft bei einer Bestellung bis 16 Uhr ihre Waren noch am gleichen Tag.
Foto: dm

Volle Stadtstraßen, wenig Parkplätze und statt frischer Luft reichlich Abgase – eine Problematik, die Lieferdiensten zunehmend Sorgen bereitet. Die Drogeriemarktkette dm testet die umweltschonende Express-Lieferung per Lastenrad direkt nach Hause und arbeitet dabei mit drei externen Lieferpartnern zusammen. Bei einer Online-Bestellung bis 16 Uhr erhalten die Kund:innen die Ware noch am gleichen Tag zwischen 18 und 21 Uhr, ansonsten erfolgt die Auslieferung am nächsten Werktag. Der Service kostet drei Euro ab einem Bestellwert von 49 Euro, darunter liegen die Versandkosten bei 7,95 Euro.

Auch beim Rewe-Lieferservice kommt der Einkauf per Lastenrad ins Haus: gegenwärtig in Berlin, Hamburg und Köln, wo dies schon seit einem Jahr getestet wird. Aktuell radeln dafür rund 60 Rider, wie die Fahrer genannt werden, des Dienstleisters Velocarrier – ein Fahrradlogistik-Experte für die sogenannte „letzte Meile“. Velocarrier nutzt dafür E-Cargo-Bikes, die bis zu 250 kg Ware transportieren können. In Hamburg ist das Rewe-Projekt Teil des Reallab Hamburg in Kooperation mit der Hochbahn Hamburg, vereint an einem gemeinsamen Microdepot der Paketdienstleister wie Hermes, DHL sowie dem Rewe-Lieferservice.

Die Testphase zeigte, dass Lastenräder angesichts der hohen Zuladung zunächst noch recht wartungsintensiv und regelmäßig von Ausfällen betroffen waren. Auch das Rangieren der schweren Anhänger über Bordsteinkanten stellte ein Problem dar, das inzwischen aber gelöst ist. Rewe will die Entwickelung der Radlogistik in Zukunft weiter beschleunigen und engagiert sich dazu mit einer 200 Mio. Euro-Minderheitsbeteiligung beim Zehn-Minuten-Lieferdienst Flink.