Non-Food-Handel und Gastronomie waren von den Lockdowns besonders hart betroffen. Mitarbeitende haben ihre Jobs als unsicher erlebt, denken möglicherweise sogar über Abwanderung nach, was angesichts des Fachkräftemangels fatal wäre. Wie gelingt es, sie positiv zu binden?

Alle internationalen Studien zeigen: Es gibt drei wesentliche Grundbedürfnisse. Werden diese erfüllt, sind Mitarbeitende motiviert. Erstens: Sie wollen sich frei, also autonom und nicht eingeengt fühlen. Jemand, der ihnen permanent über die Schulter schaut, sie kontrolliert und jedes noch so kleine Detail vorgibt, wirkt kontraproduktiv. Führungskräfte sollten vielmehr ermutigen und gegenüber jedem Teammitglied ausstrahlen: „Du schaffst das, du bist wichtig.“

Was zum zweiten Bedürfnis überleitet: jenem, sich wirksam fühlen zu wollen, was Erfolgserlebnisse voraussetzt und Aufgaben, die sich auch wirklich bewältigen lassen. Das dritte ist der Wunsch nach Verbundenheit, der aktuell besonders stark ist. Er wird in einem Team erfüllt, in dem jeder jedem hilft, man sich füreinander interessiert und Mobbing nicht geduldet wird. Das strahlt definitiv auch auf die Gäste aus. Was ebenfalls ein bedeutsamer Faktor ist, ist Hoffnung in Kombination mit Tatkraft. Vorgesetzte erreichen viel, wenn sie auch in der Krise aufrecht nach vorne gehen und die optimistische Perspektive vermitteln: „Wir bauen gemeinsam etwas auf.“ Kein Mensch folgt einem Leitwolf, der jammert.

On top kommen, auch um neue Mitarbeitende zu akquirieren, eine angemessene, gerechte Entlohnung und flexible, faire Arbeitszeitmodelle.

Handelsgastronomie ist schon in guten Zeiten eine Herausforderung, erfordert Stress-Resilienz, Effizienz und einen guten Mindset. Wie können Arbeitgeber ihr Team diesbezüglich stärken?

Indem sie Ihre Mitarbeitenden keinem belastenden Dauerstress aussetzen, ihr Personal also nicht kaputtmachen. Eine gewisse Anspannung ist in Ordnung, einzelne Peaks sind es auch. So kommt keine Langeweile auf, und Menschen fühlen sich lebendig. Die permanente Ausschüttung von Stresshormonen attackiert jedoch die so wichtigen sogenannten „Glückshormone“ und Neurotransmitter. Daher sollten Entspannungs-Phasen vorgesehen und Ruhezonen eingerichtet werden. Zudem beruhigen schon kurze Momente der Freundlichkeit und Zuwendung, ein aufmunternder Blickkontakt beispielsweise, den Vagusnerv, die regulierende Schaltzentrale unseres Körpers.

Corona hat viele Systemschwächen offengelegt, die Menschen achtsamer gemacht. Wie wird sich das Arbeitsleben Ihres Erachtens generell verändern?

Es gibt einen klaren Trend zu humanistischeren Strukturen – im Gegensatz zu den 70er bis 90er Jahren, in denen es vor allem um das Funktionieren ging. Im Grunde ist es einfach. Es gilt, was für alle Beziehungen, auch jene rund um Freundschaft und Familie gilt: Man sollte Menschen gut behandeln. Mehr Rücksichtnahme ist gefragt. Der einstmals kalte Leistungsbegriff wandelt sich. Bisher war es umso besser, je mehr Arbeit in kürzerer Zeit geleistet wurde. Jetzt kommt der Faktor Wohlbefinden mit hinzu. Speziell für die Handelsbranche haben wir übrigens gerade ein großes Projekt zu Motivation und Wohlbefinden in Vorbereitung.

Inwieweit können innovative Technologien, wie z.B. Service-Roboter, die Personalknappheit auffangen?

Die Zukunft wird definitiv hybrid sein. Was aber klar sein sollte: Ein Gast wird sich nach einem Kontakt mit einer Maschine niemals so gebunden fühlen wie durch einen freundlichen, serviceorientierten Mitarbeiter. Die Digitalisierung geht, bei allen Vorteilen, auch mit viel Ernüchterung einher: Es fehlt die Seele.

Das Interview führte Stefanie Hütz.