Die Schildergasse in Köln besuchten im Zeitraum April bis Juni 2021 im Durchschnitt 2.388 Passant:innen pro Stunde, gemessen in den für den Einzelhandel relevanten Tagen von Montag bis Samstag von 10 bis 20 Uhr. Das entspricht einem Rückgang im Vergleich zum Vorjahr von 29 Prozent (2. Quartal 2020: 3.341 Passant:innen je Stunde). Auch die Bahnhofsstraße in Bielefeld und die Frankfurter Zeil verzeichneten im gleichen Zeitraum einen Rückgang von 27 bzw. 23 Prozent. Andere Einkaufsstraßen erreichten im Frühjahr 2021 in etwa das Niveau von 2020 (Westenhellweg, Dortmund: -5 Prozent; Bahnhofstraße, Saarbrücken und Kaufingerstraße, München: +3 Prozent). Keiner der betrachteten Standorte lag damit merklich oberhalb des Vorjahresniveaus.

Im zweiten Quartal 2020 erreichte die erste Infektionswelle der Pandemie in Deutschland ihren Höhepunkt und traf die Bevölkerung völlig unvorbereitet. Die Politik reagierte mit deutlichen Maßnahmen zur Eindämmung der Virusverbreitung und ordnete die Schließung der Geschäfte des sogenannten nicht-systemrelevanten Einzelhandels ab dem 22. März 2020 an, die bis zum 6. Mai Bestand hielt. Im April 2020 lag die Besucherzahl in der Kölner Schildergasse mit 1.065 Passant:innen pro Stunde auf ihrem damaligen Tiefpunkt.

Ein Jahr später war der Einzelhandel erneut von weitreichenden Geschäftsschließungen im Zuge der dritten Infektionswelle der Pandemie betroffen. Die Passantenfrequenz lag im April 2021 mit 991 Besuchern pro Stunde sogar nochmal rund 7 Prozent unter dem Wert des Vorjahresmonats. Ähnliches ließ sich in den anderen Shoppingmeilen beobachten. Mit einer Ausnahme: Die Bahnhofstraße in Saarbrücken war im Frühjahr dieses Jahres Teil eines Pilotprojekts im Saarland, bei dem das Shoppen in den Geschäften mit dem Nachweis eines negativen Corona-Schnelltests möglich war. Mit 1.959 Passant:innen pro Stunde lag die durchschnittliche Frequenz etwa doppelt so hoch wie im Vorjahr (April 2020: 970 Passant:innen pro Stunde).

Fallzahlen sinken, Passantenfrequenzen steigen

Im Mai begannen die Corona-Infektionszahlen allmählich zu sinken, sodass nach und nach Corona-Schutzmaßnahmen in verschiedenen Bereichen zurückgenommen wurden. Dies geschah nach einem Stufenplan, den die Bundesländer nach Inkrafttreten des geänderten Infektionsschutzgesetzes (Bundesweite Notbremse) in der jeweiligen Corona-Verordnung des Landes mit entsprechenden Regelungen je nach Infektionsgeschehen definierten.

Für den stationären Einzelhandel bedeutete der Rückgang der Inzidenzzahlen mit den dementsprechend beschlossenen Lockerungen, dass die Ladengeschäfte stufenweise wieder öffnen durften. Erlaubt waren zunächst nur Konzepte wie Click & Collect oder später auch Einkaufen mit Termin. In der nächsten Stufe war der Zutritt zu den Läden, ähnlich wie zuvor beim Pilotprojekt im Saarland, beschränkt auf Menschen, die entweder bereits eine Corona-Schutzimpfung erhalten hatten, von einer Covid 19-Infektion genesen waren oder für den Zeitraum von meist 24, 48 oder 72 Stunden vor dem Einzelhandelsbesuch ein negatives Testergebnis vorweisen konnten. In der Kölner Schildergasse stieg die Zahl der Passant:innen in dieser Zeit wöchentlich an, von 1.053 in der 19. Kalenderwoche (10.-16. Mai) auf 1.610 in der 20. Kalenderwoche (17.-23. Mai) und 2.484 in der 21. Kalenderwoche (24.-30. Mai inkl. Pfingstmontag).

Es zeigt sich, dass diese „Öffnungen mit Test“ zwar für eine Steigerung der Passantenfrequenzen sorgten, die Wiederbelebung der Einkaufsstraßen jedoch langsamer erfolgte als im vergangenen Jahr, als es diese Form der Zugangsbeschränkungen nicht gab. Die Testpflicht für eine mehrheitlich noch ungeimpfte Bevölkerung könnten für die Kund:innen eine zusätzliche Hürde gewesen sein und einige vom Einkaufsbummel abgehalten haben. Ab dem 28. Mai war in NRW wieder Shopping ohne Test möglich, sodass sich die Besucherfrequenz in der Kölner Schildergasse in der 22. Kalenderwoche mit 5.217 Passant:innen pro Stunde im Vergleich zur Vorwoche nochmals mehr als verdoppelte.

Auch in anderen Bundesländern fielen je nach Entwicklung des regionalen Infektionsgeschehens zu ähnlichen Zeitpunkten die Beschränkungen im Einzelhandel. In Hamburg durfte der Einzelhandel am 19. Mai seine Pforten für die Kundschaft wieder öffnen, ohne Test und ohne Termin, aber die Kontaktverfolgung muss seitdem gewährleistet sein. Der Kunde/Die Kund:in muss sich vor Betreten des Ladens über die Luca-App registrieren oder ein Kontaktformular ausfüllen. In der 19. Kalenderwoche wurde in der Hamburger Spitalerstraße ein Anstieg von 777 Passant:innen pro Stunde auf 3.500 Passant:innen pro Stunde in der 22. Kalenderwoche gemessen, das ist mehr als eine Vervierfachung der Besucherzahlen.

Noch Luft nach oben

Insgesamt blieben die durchschnittlichen Passantenfrequenzen je Stunde auch im Juni in acht der zehn betrachteten Shoppingmeilen unter dem Niveau des Vorjahresmonats. Am deutlichsten war die Entwicklung in der Königstraße in Stuttgart (-34 Prozent) – wobei hier ein partieller Laserausfall im Juni 2021 für den drastischen Rückgang mitverantwortlich sein dürfte –, in der Frankfurter Zeil (-23 Prozent) und in der Prager Straße in Dresden (-13 Prozent) zu beobachten. Einzig im Westenhellweg in Dortmund (+14 Prozent) waren die Besucherzahlen im Juni 2021 höher als im Juni 2020.

Wir rechnen in diesem Jahr nicht mit erneuten flächendeckenden Schließungen im Einzelhandel.

Michael Gerling

Geschäftsführer, EHI Retail Institute

Im Vergleich zum Vorkrisenjahr 2019 lagen die Passantenfrequenzen im Jahr 2021 noch deutlicher zurück. Die Georgstraße in Hannover passierten im Juni 2021 zu den Ladenöffnungszeiten im Durchschnitt 4.289 Besucher pro Stunde, das sind noch 28 Prozent weniger als im Juni vor zwei Jahren (Juni 2019: 5.979 Passant:innen pro Stunde). In der Spitalerstraße lagen die Frequenzzahlen mit durchschnittlich 3.196 Passant:innen pro Stunde im Juni 2021 ebenfalls 28 Prozent unterhalb des Durchschnitts vom Juni 2019. Im Westenhellweg in Dortmund nähern sich die Besucherzahlen mit -17 Prozent immerhin schon etwas dem Vorkrisenniveau.

Kein erneuter Lockdown erwartet

Ein Ausblick darauf, wie sich die Passantenfrequenzen in der zweiten Jahreshälfte entwickeln werden, ist vor dem Hintergrund der weiteren Entwicklung der Pandemie noch unklar. Allerdings besteht die Hoffnung, dass die Wiederbelebung der Innenstädte in diesem Jahr nachhaltiger ist als im letzten. „Aufgrund der laufenden Impfkampagne, die die Risiken der Pandemie für das Gesundheitssystem deutlich abfedert, rechnen wir in diesem Jahr nicht mit erneuten flächendeckenden Schließungen im Einzelhandel“, sagt Michael Gerling, Geschäftsführer des EHI Retail Institute.

Ohnehin sei der Einzelhandel auch bisher kein Treiber der Pandemie gewesen. Dazu Gerling: „Das ist inzwischen auch in der Politik angekommen.“ Dies lässt sich am Beispiel des Lebensmittelhandels festmachen, der durchgängig geöffnet hatte. „Auch in der Hochzeit von Corona waren nicht mehr Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erkrankt als zu Vorkrisenzeiten“, so Gerling. Die Branche habe gezeigt, wie Einkaufen auch bei starkem Kundenandrang sicher stattfinden kann.

Passantenfrequenzen: Dossier

Eine ausführliche EHI-Auswertung der Passantenfrequenzen deutscher Einkaufsstraßen finden Sie in unserem neuen Handelsdaten-Dossier auf dem EHI-Statistik-Portal Handelsdaten.