Herr Souque, Personalmangel ist eine große Herausforderung: Wie ist die Situation bei Rewe in den Märkten und in der Verwaltung?

Grundsätzlich haben wir die Situation im Griff. Im Hinblick auf die Pandemie kämpfen wir mit einzelnen punktuellen Herausforderungen in dem einen oder anderen Markt oder in der Logistik. Wir fühlen uns gut gerüstet, sind aber immer noch wachsam. Denn der Herbst wird sicher wieder eine Herausforderung. Generell richten wir uns laufend an geänderten Verhältnissen aus – Stichwort Arbeitnehmermärkte – und arbeiten intensiv an unserer Arbeitgebermarke, um attraktiv zu bleiben und die Bedürfnisse unserer Teams und potenzieller Mitarbeitender anzusprechen.

Wie geht Rewe mit den Ansprüchen der New-Work-Generation bezüglich Arbeitszeiten oder mobilem Arbeiten um?

Wir sind als Rewe Group Beruf-und-Familie-zertifiziert. Für unsere Verwaltungsmitarbeitenden haben wir flexible und zeitgemäße Home-Office-Regelungen entwickelt und eingeführt. Zwei Beispiele, die zeigen, dass wir uns sehr gut auf die veränderten Ansprüche einstellen. Zudem glaube ich, dass wir als Genossenschaft, die quasi qua Genetik Nachhaltigkeit und Eigenverantwortlichkeit lebt, für diese Generationen immer attraktiver werden. Denn wir sehen deutlich: Im ersten Moment erscheint es aufregend, am Rheinufer zu sitzen und zu arbeiten.

Auf Sicht erwartet diese Generation aber mehr – nicht zuletzt eine klare Haltung zu drängenden Fragen. Wir sind seit langem sehr aktiv beim Tier-, Umwelt- und Klimaschutz. Wir engagieren uns intensiv für soziale Projekte. Wir stehen als Gemeinschaft für ein offenes und vorurteilsfreies Zusammenleben und – arbeiten. Diese Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen. Gemein ist all diesen Punkten: Wir sind ein modernes Unternehmen mit Werten und Haltung. Das überzeugt und bindet Mitarbeitende.

Wie sieht ein zeitgemäßer Führungsstil aus?

Entscheidend ist nicht der individuelle Führungsstil. Wesentlich wichtiger ist, dass es eine breite Führungskultur gibt, der sich jede Führungskraft verpflichtet fühlt. Dazu gehört auch eine offene Meinungs- und Fehlerkultur. Einer unserer Unternehmenswerte lautet sinngemäß, wir begegnen einander offen und auf Augenhöhe. Das drückt es sehr gut aus. Alle sind an der Meinungsfindung beteiligt. Das ist für jeden Mitarbeitenden sinnstiftend und schafft Commitment. Auf diesem gemeinsamen Grundverständnis baut dann der individuelle Führungsstil auf.

Rewe ist sicherlich führend in Sachen Nachhaltigkeit. Was sind dabei die großen Themen der Zukunft?

Erderwärmung und Artensterben sind mit die größten ökologischen Krisen unserer Zeit. Beide haben auch unmittelbaren Einfluss auf unsere Ernährungssicherheit. Wir sehen uns hier mit in der Verantwortung und wollen produktive Lösungen beitragen. So unterstützen wir mit Rewe z.B. den neuen Klimafonds unseres langjährigen Partners NABU in den nächsten fünf Jahren mit mindestens 25 Millionen Euro. Wir starten gemeinsam das größte Moor-Restaurierungsprojekt für landwirtschaftlich genutzte Fläche in Deutschland.

Ein weiterer Meilenstein: Wir beziehen zukünftig als erster Lebensmittelhändler Strom aus der Nordsee. Voraussichtlich ab 2025 erhält die Rewe Group Grünstrom aus dem neuen Offshore-Windpark Borkum Riffgrund 3 in der Nordsee. Damit fördern wir direkt und unmittelbar den Ausbau erneuerbarer Energien und übernehmen eine aktivere Rolle innerhalb der Energiewende. Denn im Rahmen unserer Klimaziele spielt die Energieversorgung eine strategische Rolle: Außerdem sind wir im deutschen Lebensmittelhandel Grünstrom-Pionier. Bereits seit 2008 versorgen wir unsere Märkte zu hundert Prozent aus regenerativen Quellen.

Die Rewe hat kürzlich angekündigt aus der Handzettelwerbung auszusteigen. Was sind die Hintergründe und was die Alternativen?

Der wöchentliche Rewe-Angebotsprospekt ist eines der ältesten Werbemedien der Branche und wird an viele Millionen Haushalte verteilt. Im Sinne unserer Nachhaltigkeits- und Digitalisierungsstrategie ist mit diesem Papier-Handzettel zum 1. Juli 2023 Schluss. Dafür wird die Artikelwerbung über neue und klassische Medien erheblich ausgebaut. Der Effekt für Umwelt, Klima und Ressourcenschonung ist immens: Die Umstellung spart mehr als 73.000 Tonnen Papier, 70.000 Tonnen CO2, 1,1 Mio. Tonnen Wasser und 380 Millionen kWh Energie pro Jahr ein.

Haben Kundinnen und Kunden ihr Einkaufsverhalten aufgrund der Inflation verändert – GfK-Daten zeigen, dass Konsumenten in ihrem Alltag zunehmend auf Genusskategorien verzichten – und wie passt Rewe ihr Sortiment an?

Für eine abschließende Antwort ist es zu früh. Wir sehen aber, dass die Inflation und die steigenden Preise für Energie und Mobilität die Kundinnen und Kunden verunsichern, und dass sie ihr Kaufverhalten ändern. Sie achten noch mehr aufs Geld. Tendenziell kaufen sie mehr Aktionsware und unsere Eigenmarken. Und wenn einige Industriemarken weiter so massiv und ungerechtfertigt an der Preisschraube drehen, dann werden sie Kunden für lange Zeit oder sogar unwiederbringlich verlieren.

Rewe beteiligt sich an Quick-Commerce-Anbietern wie Flink und Co. Was ist das Ziel?

Wir sind der größte Anbieter im Online-Lebensmittelhandel. Das wollen wir ausbauen und dazu gehört, laufend weiter zu lernen. Quick-Commerce ist interessant für eine sehr spezielle Kundengruppe. Und es gibt innovative, schnelle Partner, die diese Zielgruppe erfolgreich ansprechen. Wir wollen uns fokussieren, nicht immer alles selber machen und sind daher eine Partnerschaft mit Flink eingegangen. Auch deren Bedürfnisse wollen wir gut verstehen und an der Spitze der Bewegung stehen. Wir wiederum bringen für unsere Partner ein enormes Knowhow bei Lebensmitteln und deren Logistik mit. Es ist also eine Win-Win-Kooperation. Rewe hat große Kompetenz im digitalen Handel und bietet ihre Lösungen anderen Händlern an.

Wird das ähnlich wie bei Amazon und der Cloud ein strategisches Feld?

Wir sind und bleiben in erster Linie Lebensmittelhändler und Touristik-Unternehmen. Digitale B2B und B2C-Prozesse sind in beiden Bereichen sehr entscheidend im Wettbewerb. Wir möchten unseren Kunden Lösungen aus einer Hand anbieten, die Prozesskette kennen und steuern können. Wenn sich daraus ein Geschäftsmodell ergibt, kann das spannend sein. Wir haben sehr gute Erfahrungen mit unseren Beteiligungen und Entwicklungen von Commercetools, Fulfillmenttools und Paymenttools gemacht.