Galeries Lafayette Champs-Élysées

60 Av. des Champs-Élysées
75008 Paris
Frankreich

 

Stellen Sie sich das einmal vor: Sie haben einen gewaltigen Flagship-Store mit über 70.000 qm an einem weltberühmten Reiseziel. Manche Menschen kommen nur in die Stadt, um dieses Geschäft aufzusuchen. Und nun stellen Sie sich vor, Sie möchten eine neue Filiale eröffnen. Hielten Sie es für eine gute Idee, ein wesentlich kleineres (wenngleich immer noch großzügig bemessenes) Geschäft an einem Standort zu eröffnen, der nur anderthalb Kilometer von Ihrem riesigen Flagship-Store, dem Herzstück Ihres Unternehmens, entfernt liegt?

Wohl eher nicht – aber genau das hat der Warenhausbetreiber Galeries Lafayette in Paris getan. Bei dem Flagship-Store handelt es sich natürlich um das riesige Traditions-Kaufhaus am Boulevard Haussmann, und nicht sehr weit entfernt an der Avenue des Champs-Élysées im westlichen Teil der Stadt befindet sich das neue Geschäft. Also muss die Frage nach dem Warum gestellt werden.

Auf der Suche nach einer Antwort sollte man sich am besten die Champs-Élysées ansehen. Wie der Boulevard Hausmann ist es eine der bekannten Prunkstraßen der Stadt – die Touristen strömen hierher, einfach nur um sagen zu können, dass sie hier gewesen sind. Es haben sich in den vergangenen Jahren dort zunehmend Geschäfte angesiedelt, die das untere Ende des Mittelpreissegments besetzen, ergänzt um zahlreiche Fastfood-Restaurants. Diese Entwicklung hat die Stadtväter zu dem Entschluss bewogen, etwas gegen diesen Trend zu unternehmen. Der neu eröffnete Standort der Galeries Lafayette mag mit 6.500 qm gegenüber dem Traditionshaus am Boulevard Haussmann eher klein erscheinen, doch es ist gleichzeitig das größte Einzelhandelsgeschäft auf den Champs-Élysées und ein Zeichen dafür, dass sich dort etwas verändert.

Aufwertung des Standorts

Und der neue Standort unterscheidet sich von seinem Schwester-Standort. Es ist einerseits ein Luxus- Kaufhaus, das die Tradition des Einzelhandelsunternehmens fortsetzt, aber es ist auch für sich genommen ein Juwel im Art-déco-Stil (im Gegensatz zum Flagship-Store, der von innen und außen im Stil der Belle Époque glänzt), und es nutzt die vorhandene Architektur, um sich als etwas Neues zu präsentieren.

Von außen ist es ein stattliches Gebäude, gebaut nach den Plänen von Théophile Bader, einem der Gründer des Unternehmens Galeries Lafayette. Die Planung von Bader sah damals vor, dass die Ladenfläche eine vielfältige Nutzung ermöglichen sollte im Sinne einer Verbindung von Einzelhandel, Dienstleistungen und Unterhaltung. Zur Eröffnung kam es jedoch nicht, da Bader in der Folge des Börsencrashs 1929 gezwungen war, den Standort für das geplante Kaufhaus an die First National City Bank zu verkaufen. Heute ist das Unternehmen Galeries Lafayette (wieder) Eigentümer des Kaufhauses mit der Anschrift 60 Avenue des Champs-Elysées, der Kreis schließt sich sozusagen.

Einen Teil des Erdgeschosses nimmt eine Monoprix-Filiale mit Schönheitsartikeln, Haushaltswaren und Mode ein. Wenn der von außen kommende Besucher das Kaufhaus betritt, erwartet ihn ein besonderer Moment: In starkem Kontrast zu dem von Marmor sowie Bronze und Messing geprägten Innenraum gestaltet sich der Eingang in den Laden als ein eckiger Tunnel mit Hintergrundbeleuchtung an Wänden, Decke und Boden – ein Design, das an einen Science-Fiction- Film der 1970er-Jahre erinnert. Dem Besucher wird dadurch sofort der Eindruck vermittelt, dass er gerade ein Geschäft betritt, das sich von den übrigen Geschäften auf den Champs-Élysées deutlich abhebt.

Sehen und Gesehen werden

Alexandra Van Weddingen, Leiterin der Unternehmenskommunikation, erläutert die Intention des Designs: „Es ist ein neues Format für die Galeries Lafayette, allein die Architektur soll ein Grundelement der Unterhaltung bieten.“ Insgesamt kann man sagen, dass das Konzept des dänischen Architekturbüro BIG Bjarke Ingels Group einen besonderen Schwerpunkt auf das Thema Sehen und Gesehenwerden setzt.

Zentrales Element des Kaufhauses ist das Atrium, hierhin gelangt der Besucher als erstes, wenn er das Ende des Eingangstunnels erreicht hat. Das Atrium präsentiert sich in nahezu klassischer Strenge und Größe – ein bekannter Anblick für jeden, der sich für Museen aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert interessiert. Von oben scheint Licht durch das fein strukturierte Glasdach in die beiden Obergeschosse.

Der „Schau-Effekt“ wird jedoch vor allem durch das Visual Merchandising und die innen gelegenen „Schaufenster“ erzielt, zu einer Seite offene, dickwandige Glaskästen, die in den Obergeschossen rundum den Blick auf das hohe Atrium freigeben. Ein zweidimensionaler Eiffelturm erstreckt sich auf einer Seite des Atriums vom Erdgeschoss bis zum obersten Stockwerk. Er dient zur Präsentation von Schaufensterfiguren, die auf verschiedenen Ebenen auf der Eiffelturm-Silhouette stehen.

Großes Atrium

Im obersten Stockwerk findet der Besucher in erster Linie Vitrinen, die derzeit von den Kollektionen geprägt sind, die der vor kurzem verstorbene Modeschöpfer Karl Lagerfeld für Chanel entworfen hat. Bei einem Rundgang durch das Obergeschoss fällt es schwer, den Blick davon zu lösen.

Schaut man von hier aus nach unten, fällt auf, dass das Erdgeschoss, wo Beauty-Produkte und die Parfümerie zu finden sind, relativ kompakt ist. Eine der Herausforderungen bei der Gestaltung bestand darin, die Sortimente so anzupassen, dass sie sich auf dieser Fläche präsentieren lassen. Van Weddingen erklärt dazu: „Die Kollektion ist etwas trendiger. Hier finden Sie nicht dieselben Marken wie in ‚normalen‘ Warenhäusern.“

Dem Unternehmen war es ganz offensichtlich wichtig, einen möglichst großen Unterschied zu dem zehnmal so großen Standort am Boulevard Haussmann zu schaffen. Und das wird nicht nur durch andere Marken erreicht oder durch eine für die Marke Galeries Lafayette unübliche Architektur. Moderne Technik wurde von Anfang an mit eingeplant und nicht im Nachhinein hinzugefügt. Die Kunden erkennen das an der unvermeidlichen App, die ihre Funktion erfüllt und wirklich weiterhilft, sowie an den „intelligenten Kleiderbügeln“, die von Galeries Lafayette intern entwickelt wurden. Sie sollen den hunderten von Stylisten, die zur Beratung der Kunden zur Verfügung stehen, die Arbeit erleichtern. Der Grundgedanke ist, dass Kunden, die sich ein Kleidungsstück auf einem „intelligenten Kleiderbügel“ aussuchen, durch einen Druck auf die Oberseite des Bügels ihre Größe auswählen können. So kann das Kleidungsstück in der richtigen Größe in der Umkleidekabine bereitgehalten werden. Die Idee ist einfach, doch sie erfordert eine reibungslose Umsetzung, damit sie auch wirklich ihren Zweck erfüllt.

Gastronomie

Nach dem Besuch der oberen Stockwerke kommen die Kunden sehr wahrscheinlich in das Untergeschoss, wo sie „The Food Court“ erwartet. Trotz dieses Namens ist das Angebot nicht mit den Food-Bereichen vergleichbar, die in zahlreichen Einkaufszentren unter diesem Namen zu finden sind. In der Galeries Lafayette stehen Tische in der Mitte des Raumes, der mit bunten, geschwungenen Neonröhren an der Decke und hochwertigen Tresen diesem Teil des Geschäfts den Eindruck eines Feinkostgeschäfts verleiht. Am Morgen des Besuchs, einem normalen Wochentag, war das Untergeschoss voll mit Besuchern.

Van Weddingen möchte, wenn sie über die neue Galeries Lafayette spricht, nicht gern das Wort „Erlebnis“ verwenden und sagt stattdessen: „Die Idee ist, dass Menschen etwas kaufen, wenn sie in dem Geschäft eine schöne Zeit verbringen.“ Weiter erfährt man, dass täglich 300.000 Menschen die Champs Elysées entlangbummeln (am Wochenende 500.000), wovon 200.000 auf der Straßenseite gehen, auf der sich der Laden befindet. Auch wenn die Filiale nicht weit vom Boulevard Haussmann entfernt liegt, scheint dies aufgrund des besonderen Charakters des Hauses kein Nachteil zu sein. Darüber hinaus soll hier an diesem Standort mit Innovationen experimentiert werden. Galeries Lafayette hat vor kurzem bekanntgegeben, dass das Unternehmen plant, seine derzeit zwei Standorte in China auf 10 zu erweitern. Vielleicht sind die Tage der großen Kaufhäuser doch noch nicht gezählt, so wie es manche Pessimisten meinen.