„EHI Connect“: Unerwarteter Schub für E-Food | stores+shops

Anzeige
{{{name}}}

Vorgeschlagene Beiträge

Anzeige

Weiterhin kontrovers diskutiert: E-Food
Foto: Atstock Productions/adobe.stock.com

„EHI Connect“: Unerwarteter Schub für E-Food

Der EHI-E-Commerce-Kongress „EHI Connect“ (vormals „Omnichannel Days) fand dieses Jahr im November online statt. Ein Schwerpunkt war das Thema E-Food, das durch die Pandemie auch in Deutschland einen Schub bekam. Drei Experten berichteten von ihren Erfahrungen und Erkenntnissen.

Prognosen zum deutschen E-Food-Markt

Prognosen zum deutschen E-Food-Markt
Foto: Matthias Schu

E-Food ist ein kontrovers diskutiertes Thema im E-Commerce. Dr. Matthias Schu ist E-Food-Experte und berichtete: Die „Geburtsstunde“ des E-Food war bereits 1996 in den USA, 1997 folgte die erste große Welle des Online-Lebensmittelhandels. „Trotzdem stehen wir in diesem Sektor noch ganz am Anfang“, erklärte Schu und zitierte den Amazon-Gründer Jeff Bezos: „It’s still day one.“ Das gelte auch für den Bereich E-Food – ganz besonders für den DACH-Raum und Europa insgesamt. Mit 1,4 Prozent war der Marktanteil in Deutschland im vergangenen Jahr noch sehr überschaubar.

Die Pandemie sorgte allerdings für einen unerwarteten Schub – die bereits im Markt etablierten Player stießen während der ersten Welle an ihre Kapazitätsgrenzen. Im 2. Quartal 2020 gab es im Bereich E-Food in Deutschland einen Zuwachs von rund 90 Prozent. Dies bedeutete einen sprunghaften Anstieg des Marktanteils um 1 bis 2 Prozentpunkte im DACH-Raum.

Schu bezeichnete E-Food als „die Königsdisziplin“ des E-Commerce: Frische wie auch Vollsortiment erfordern Schnelligkeit. Dafür eignen sich regionale Lager mit kurzen Wegen zu den Kunden und eine eigene Auslieferungsflotte, was einen hohen finanziellen Aufwand bedeutet. Deswegen ist eine flächendeckende Versorgung in der Regel schwer zu machen, sodass sich die meisten Anbieter auf Ballungsräume konzentrieren. Das wird auch in Zukunft erst einmal so bleiben, davon geht Schu aus.

Convenience

Roman Hartmann, Co-CEO & Co-Founder, Farmy AG

Roman Hartmann, Co-CEO & Co-Founder, Farmy AG
Foto: EHI

Vor allem auch Convenience ist ein wichtiger Punkt und Haupttreiber für Lebensmittel-Bestellungen. Eine Studie des Unternehmens Kraft Heinz aus den USA stellte fest, dass 70 Prozent der Kunden beim Online-Lebensmittelkauf das Thema Convenience und Zeitersparnis höher bewerten als das Thema Geld sparen.

Ein Markt mit Potenzial also, so sieht es Dr. Matthias Schu. Doch um hier einsteigen und mithalten zu können, braucht es Innovationen. Diese können disruptiv sein und bestehende Geschäftsmodelle und gelernte Muster umprägen. Große, etablierte Unternehmen seien, so Schu, oft zu zögerlich, wenn es darum gehe, sich auf neue Märkte und deren Potenzial einzustellen. Schu: „Wie schnell und wohin der Online-Zug fährt, weiß niemand. Nur, dass wir bereit sein müssen, das steht fest.“

Das Schweizer Unternehmen Farmy startete 2014 als ein Online-Marktplatz, der inzwischen gut 12.500 Produkte von über 1.000 Bauern und Lebensmittelherstellern anbietet. Die Corona-Pandemie brachte dem Unternehmen ein Wachstum von teilweise bis zu 230 Prozent. „Durch die Pandemie haben wir vermutlich zwei Jahre in der Entwicklung übersprungen“, sagte Roman Hartmann von Farmy.

Farmy nutzt ein Cross-Docking-Modell, das ohne Lager auskommt: Es wird bei den Lieferanten nur das angefordert, was von den Kunden bestellt wurde. Alles, was an dem Tag von den Produzenten geliefert wird, ist also bereits verkauft und geht am selben Tag zum Kunden. Bis Mitternacht hat der Kunde Zeit, für den Folgetag zu bestellen. Dann gehen die Kundenbestellungen an die Produzenten. Diese beginnen, die Produkte zu ernten oder zu backen und zu verpacken, um sie anschließend an die Verteil-Hubs in Zürich bzw. Lausanne zu liefern. Ab 15 Uhr gehen die Produkte in mehreren Lieferwellen raus zu den Kunden.

Die letzte Meile

Dr. Matthias Schu Handelsexperte, Advisor und Buchautor

Dr. Matthias Schu Handelsexperte, Advisor und Buchautor
Foto: EHI

Dem Schweizer Unternehmen war von Anfang an wichtig, eine interne IT zu haben, die die Abläufe steuert. „In dem Bereich haben wir sehr viel Know-how aufgebaut und eine eigene Software mit mehreren Apps entwickelt – nicht nur für die Kunden, sondern auch für uns und die Produzenten.“ Ausgeliefert wird bereits seit drei Jahren mit eigenen E-Fahrzeugen. „Wir haben uns stark auf die letzte Meile fokussiert“, so Hartmann. Die Kunden bekommen Push-Nachrichten in Echtzeit zugeschickt, sodass sie möglichst auf die Minute genau wissen, wann die Lieferung eintrifft. Geliefert wird schweizweit, allerdings hauptsächlich – und dort auch kostenlos – in den Metropol-Regionen um Zürich und Lausanne.

Hartmann wies auf einen entscheidenden Faktor des lagerlosen Cross-Docking-Modells von Farmy hin: die Frische. „Wir verbinden im Prinzip den regionalen Produzenten direkt mit dem Kunden. Das macht qualitativ einen Unterschied. Wir bieten alles an, was die Produzenten aus der Umgebung herstellen können. Der Kunde soll das Gefühl haben, direkt vom Produzenten auf dem Markt einzukaufen.“ Das System umfasst Pfandflaschen, Pfandkisten und Verpackungen, die zurückgenommen werden. Mit „Farmy E-Food Solutions“ bietet Farmy das gewonnene Know-how und die IT-Kompetenz auch anderen Unternehmen an.

Der klassische Händler ist kein Technologieunternehmen, sondern ein Handelsunternehmen, das andere Themen fokussiert, nämlich den Ein- und Verkauf von Waren, das stellte Matthias Steinforth fest, der das Unternehmen Durst.de aufgebaut hat. Die Idee dahinter: ein „Lieferando“ für Getränke zu entwickeln, also eine Plattform, die den gesamten Bestell- und Auslieferungsprozess und die dahinterliegenden Prozesse digitalisiert.

Eigene IT

Matthias Steinforth, E113 Beteiligungs GmbH

Matthias Steinforth, E113 Beteiligungs GmbH
Foto: EHI

Aus diesem Grund wurde hier der Fokus zunächst auf die Technologie gelegt. Ein Unternehmen muss sich laut Steinforth die Frage stellen, welche Software- und Hardware-Komponenten es selbst besitzt, also wieviel Datenhoheit das Unternehmen hat. Wieviel Daten kann das Unternehmen sammeln, auswerten und interpretieren? Hat es die Möglichkeit, Daten selbst zu steuern und im Gesamtkontext zu verstehen? Diese Punkte seien wichtig, wenn ein Unternehmen in ein digitales Geschäftsmodell einsteigen will.

Bei diesen Überlegungen geht es laut Steinforth darum, näher am Kunden zu sein, Innovationen direkt auf Basis des Kunden-Feedbacks zu entwickeln und mit dem Kunden zusammen zu testen. Wer selbst Innovationen treiben möchte, muss das Produkt besitzen, um möglichst schnell reagieren zu können. Wenn ein Softwarehersteller dazwischengeschaltet ist, der das Feedback zunächst abfängt, könne das Unternehmen nicht so nah am Kunden agieren. „Wer in digitalen Produkten denkt, denkt ‚digital first‘ und ist so in der Lage, Innovationen mitzugestalten, anstatt Trends hinterherzulaufen“, so die Überzeugung von Steinforth. Als First Mover könne ein Unternehmen Funktionen entwickeln, bevor der Markt sie anbietet und könne so unabhängig reagieren. So habe ein Unternehmen die Chance, den Markt aktiv mit zu gestalten, so Steinforth.

Die Experten waren sich einig, dass das plötzliche Wachstum von E-Food durch die Corona-Pandemie nicht nur ein vorübergehender Trend ist, sondern dass es dem Lebensmittel-Online-Handel nachhaltig Auftrieb geben wird und viel Potenzial im E-Food-Markt steckt.

Medium Rectangle Technology 1

Anzeige