Kassenlos, Tag und Nacht. Immer mehr Lebensmittelhändler sammeln derzeit erste Erfahrungen mit einem neuartigen Store-Konzept: automatisierte Mini-Märkte, die komplett ohne Kassen und Personal auskommen sowie Einkaufen zu jeder Tages- und Nachtzeit möglich machen – und das an sieben Tagen die Woche. Was versprechen sich Unternehmen wie die Schwarz-Gruppe, Edeka, Bünting oder Migros davon? Die Beweggründe sind vielfältig: Sie reichen von Mehrumsatz durch die Ausweitung und Flexibilisierung der Ladenöffnungszeiten über die Nahversorgung in hochfrequentierten City- Lagen oder in strukturschwachen, ländlichen Regionen bis hin zu Einsparungen bei Personalkosten und Ladenmieten.

Robotik-Lager im Hintergrund

Jüngstes Beispiel für diesen neuen Tiny-Store-Trend ist die „Collect.box“ der Schwarz-Gruppe. Neben einem Sensor-Supermarkt à la „Amazon Go“ („Shop.box“; siehe Kasten) hat die Lidl- und Kaufland-Mutter vor wenigen Wochen auch einen automatisierten Click- & Collect-Container vorgestellt, der die Studierenden und Mitarbeitenden des Bildungscampus Heilbronn mit Snacks und Getränken versorgt. Sie können ihre Wunschartikel entweder direkt vor Ort an einem Terminal oder von überall per Handy-App bestellen (Click) und innerhalb von 12 Stunden abholen (Collect).

Nicht nur bei „Combi 24/7“ in Oldenburg wirkt Roboter-Technik hinter den Kulissen.

Nicht nur bei „Combi 24/7“ in Oldenburg wirkt Roboter-Technik hinter den Kulissen.
Foto: Combi 24/7/Bünting

Das Besondere: Die Ware wird im Hintergrund, in einem angeschlossenen Mini-Hochregallager mit bis zu 3.000 SKUs, wie von Geisterhand, automatisch kommissioniert. Zwei Roboterarme bearbeiten die Aufträge und picken parallel. Die Schwarz-Gruppe ist nicht das einzige LEH-Unternehmen, das momentan mit solchen Automatik-Boxen experimentiert. Erst kürzlich hat die Edeka-Region Südwest einen ganz ähnlichen Shop zusammen mit der Deutschen Bahn eröffnet: den „E24/7“. Die Robotik- Anlage steuert das Stuttgarter Start-up Smark bei, die Bestell- Terminals der Self-Service-Kiosk-Spezialist Pyramid.

Der Mini-Markt soll künftig bis zu 800 Produkte im Sortiment führen – von Grundnahrungsmitteln inklusive gekühlter Produkte bis hin zu Drogeriewaren. „Der neue 24/7-Markt ist der erste seiner Art in unserem Unternehmensverbund, und wir planen weitere Standorte in verschiedenen Hochfrequenzlagen im Südwesten“, kündigt Jürgen Mäder, Geschäftsführer Edeka Südwest, an. Der E24/7-Pilotmarkt befindet sich am Bahnhof der schwäbischen Kleinstadt Renningen bei Leonberg.

Smark und Pyramid sind ebenfalls die Technik-Lieferanten für zwei weitere Automatik-Container: für „Pick-me 24/7“ der Schweizer Tegut-Mutter Migros sowie für den Newcomer „Typy“ in Düsseldorf. Der Pick-me-Prototyp steht seit Dezember 2019 an den Ladestationen des E-Autobauers Tesla im schweizerischen Dietikon. Typy wurde im November 2020 im Medienhafen Düsseldorf eröffnet. Noch in diesem Jahr sollen bundesweit etliche weitere Typy-Standorte entstehen.

Mit und ohne Walk-in

Neben diesen Roboter-Boxen gibt es weitere Varianten automatisierter Lebensmittelläden. Stephan Rüschen, Professor für Lebensmittelhandel an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) in Heilbronn, nennt sie „Automatenshops“ und „traditionelle Automaten“. Automatenshops sind nach seiner Definition eine Ansammlung mehrerer klassischer Verkaufsmaschinen unter einem Ladendach.

„Herr Anton“ in Emsdetten – eher ein klassischer Automatenshop.

„Herr Anton“ in Emsdetten – eher ein klassischer Automatenshop.
Foto: Herr Anton

Vertreter dieser Gattung sind etwa „Herr Anton“ und „Flavura 24/7“ in Deutschland sowie „Carrefour Express“ in Frankreich. Ein Beispiel für einen traditionellen Automaten ist dem Handelsexperten zufolge der „Aldimat“ von Aldi Süd im rheinland-pfälzischen Haßloch. Der Aldimat ist ein Verkaufsautomat mit einer kleinen Auswahl von 25 bis 30 Produkten, der vor einem Aldi-Markt steht.

Davon zu unterscheiden sind Rüschens Klassifizierung zufolge Walk-in-Lösungen. Diese Convenience-Stores funktionieren dank Sensorik und Künstlicher Intelligenz vollautomatisch wie etwa Amazon Go oder die Schwarz-Shop.box (Walk in – Walk out, Grab & Go). Eine andere Walk-in-Variante sind Self-Scanning-Läden, in denen die Kundschaft ihre Wunschartikel per SB-Kasse oder Smartphone- App selbst erfasst – der Kunde wird zu seinem eigenen Kassierer. Eines der bekanntesten Beispiele ist hierzulande „Tegut Teo“.

Schwarz-Gruppe: À la Amazon Go

Die Lidl- und Kaufland-Mutter eifert Amazon und seinem Hightech-Markt „Amazon Go“ nach. Das Heilbronner Handelsunternehmen hat jetzt seine Antwort auf das smarte Store-Format des Online-Händlers präsentiert: „Shop.box“. Die gleichnamige Handy-App, die die Schwarz-IT entwickelt hat, ist seit Kurzem im Google-Playstore zu finden. Sie zeigt, wohin die Reise geht – in die Zukunft des digitalen Einkaufs, wie die Schwarz-Gruppe sie sich ausmalt: kassenlos und vollautomatisch, dank Videokameras, Sensoren und Künstlicher Intelligenz. Das Scannen der Ware durch Kassenkraft oder Kundschaft entfällt, der Bezahlprozess läuft per Lastschrift im Hintergrund ab. Damit ist die Schwarz-Gruppe Vorreiter im deutschen Handel. Die Shop.box befindet sich auf dem Bildungscampus Heilbronn und ist vorerst nur für Studierende und Mitarbeitende zugänglich.

Daten für mehr Kundenservice

Kurz-Interview mit Wolfgang Gruschwitz, Geschäftsführer der Münchner Store-Design- und Beratungsagentur Gruschwitz, über die Zukunft der verschiedenen Smart-Store-Varianten.

Wolfgang Gruschwitz, Geschäftsführer der Münchner Store-Design- und Beratungsagentur Gruschwitz

Autonome Mini-Shops boomen. Wie erklären Sie sich das?

Der Lockdown hat autonome Mini-Shops, aber auch Click & Collect befeuert. Mit autonomen Stores können Händler zudem Datenbanken aufbauen. Datenauswertungen helfen dabei, die Massenindividualisierung voranzutreiben und den Kundenservice zu verbessern. Die Analyse von Verhaltensmustern kann auch die Logistik oder den Launch von Neuprodukten optimieren.

Welche Smart-Store-Varianten unterscheiden Sie?

Da gibt es die klassischen Kiosk-Systeme, wie man sie von Hofladen-Automaten oder Schulhöfen kennt. Dann hat Amazon mit seinem vollautomatischen Hightech-Convenience-Store „Amazon Go“ den Markt aufgemischt und Nachahmer auf den Plan gerufen. Daneben haben sich Selfscanning-Systeme etabliert. Im Kommen sind aktuell die 24/7-Roboter-Stores. Die funktionieren alle weitgehend ohne Personal.

Welches Modell wird sich durchsetzen?

„Go in, find something & just walk out“-Konzepte, die den Menschen die Kassenwarteschlangen ersparen, sind die Zukunft. Auch Logistik- Roboter, wie sie in den 24/7-Stores zum Einsatz kommen, haben gute Chancen.

Warum?

Zum einen gibt es in den Industrieländern immer weniger Personal, das nur Lager- und Räumarbeiten übernehmen möchte. Zum anderen ist ein Logistik-Roboter dem Menschen in vielerlei Hinsicht überlegen: Es gibt beispielsweise keine Begrenzung durch Betriebs- oder Arbeitszeiten, es fallen nur Wartungs- und Programmierungskosten an. Bei den vollautomatischen Stores à la Amazon Go geht es neben Convenience und Automatisierung auch um Daten, das Gold unseres IT-Zeitalters.