Der Gedanke dahinter folgt einer klaren Logik: Wer über Jahre hinweg skalierbare Systeme für den eigenen Betrieb entwickelt hat, verfügt über Expertise, die auch für andere Unternehmen wertvoll sein kann. Gleichzeitig lassen sich Investitionen in Technologie und Infrastruktur durch externe Kund:innen mitfinanzieren. About You, die Schwarz-Gruppe, die Rewe Group und Otto zeigen, wie unterschiedlich dieser Ansatz in der Praxis aussehen kann.

Die KI-Plattform Scayle Studios ermöglicht Fashion-Marken die vollständig digitale Erstellung von Produktbildern ohne klassisches Fotostudio.
Foto: About You
KI statt Wochen im Fotostudio
Bei About You entstand das Angebot aus einem konkreten Engpass im eigenen Betrieb: Klassische Fotoproduktionen für den Fashion-E-Commerce sind aufwendig, teuer und langsam. About You hat diesen Prozess intern durch einen KI-basierten Workflow ersetzt und bietet die dahinterstehende Technologie nun unter dem Namen Scayle Studios auch externen Marken und Händlern an. „Wir haben über viele Jahre erlebt, wie stark klassische Fotoproduktion Geschwindigkeit, Flexibilität und Skalierung im Fashion Commerce begrenzt. Jetzt machen wir die Technologie, mit der wir diesen Engpass bei About You gelöst haben, für andere Marken und Händler zugänglich”, sagt Tarek Müller, Mitgründer und Co-CEO der About You Group. Bei About You selbst laufen nach eigenen Angaben rd. 90 Prozent der E-Commerce-Produktionen über KI-basierte Workflows, die jährlichen Einsparungen gegenüber klassischer Studioproduktion beziffert das Unternehmen auf mehr als 8 Mio. Euro. Nur 2,5 Monate nach dem Launch liegt der wiederkehrende Jahresumsatz mit externen Kunden bereits bei über einer Million Euro.
Rechenzentren als europäische Infrastruktur
Schwarz Digits, die IT- und Digitalsparte der Schwarz Gruppe, positioniert sich mit Cloud-, Cybersecurity- und KI-Lösungen als Anbieter für Unternehmen und öffentliche Institutionen, die ihre Daten im europäischen Rechtsraum halten wollen. Im Juli 2026 eröffnete die Sparte den neuen Campus in Bad Friedrichshall mit Platz für bis zu 5.500 Mitarbeitende auf 15,5 Hektar. „Mit unserem souveränen Technologie-Stack bieten wir eine verlässliche Antwort auf die drängenden Fragen globaler digitaler Abhängigkeiten”, sagt Christian Müller, CEO von Schwarz Digits. Der entscheidende Vorteil gegenüber klassischen Technologieanbietern: Alle Lösungen haben sich zuvor im Echtzeitbetrieb von Lidl und Kaufland bewährt.
Einen ähnlichen Weg geht die Rewe Group mit Fulfillmenttools. Die Software, die ursprünglich für den Rewe-Lieferservice entwickelt wurde, steuert, aus welchem Lager oder welcher Filiale eine Online-Bestellung ausgeliefert wird. Heute wird sie als eigenständiges Produkt an externe Händler vermarktet. Jüngstes Beispiel ist der Schmuckhändler Christ, der Fulfillmenttools für die kanalübergreifende Bestellsteuerung in Deutschland, Österreich und den Niederlanden einsetzt. „Order Management ist Herz und Gehirn jeder Omnichannel-Architektur. Mit Fulfillmenttools haben wir den richtigen Partner gefunden, um das Wirklichkeit werden zu lassen”, sagt Michael Berghoff, Chief Digital Officer bei Christ.
Wir haben über viele Jahre erlebt, wie stark klassische Fotoproduktion Geschwindigkeit, Flexibilität und Skalierung im Fashion Commerce begrenzt. Jetzt machen wir die Technologie, mit der wir diesen Engpass bei About You gelöst haben, für andere Marken und Händler zugänglich.
Tarek Müller
ERP-Expertise für den Mittelstand
Otto verfolgt mit seiner Beratungs- und Technologieeinheit „one.O“ einen weiteren Ansatz und stellt das operative und technologische Know-how der Otto Gruppe externen Unternehmen zur Verfügung. Ein Beispiel ist die Zusammenarbeit mit der Kosmetikmarke Asambeauty, die von einem Sechs-Mann-Unternehmen auf knapp 600 Mitarbeitende und einen Umsatz von rund 200 Mio. Euro in 47 Ländern gewachsen ist. „one.O“ begleitete die Einführung eines cloudbasierten ERP-Systems, das Produktentwicklung, Qualitätsmanagement und internationale Distribution abbildet. „Unsere bestehende ERP-Lösung konnte mit unserem sich schnell entwickelnden Geschäft einfach nicht Schritt halten”, erklärt Sarah Schwart, Project Lead bei Asambeauty. Das Projekt wurde dabei bewusst nicht als reines IT-Vorhaben aufgesetzt, sondern als unternehmensweites Transformationsprojekt, das alle Abteilungen von der Forschung bis zum Einkauf einbezog.
Was diese Beispiele verbindet, ist ein struktureller Wandel im Selbstverständnis großer Handelsunternehmen. Technologie und Infrastruktur, die früher als Kostenfaktor galten, werden zu Erlösquellen. Der entscheidende Vorteil gegenüber klassischen Technologieanbietern: Das Angebot ist im eigenen Handelsbetrieb unter realen Bedingungen gewachsen und erprobt. Die Händler verkaufen nicht nur Software, sondern das Wissen, wie sie im Alltag eines großen Handelsunternehmens funktioniert.

