Deutschland hat mit der Girocard über Jahrzehnte ein stabiles nationales Zahlungssystem aufgebaut. Banken geben aber zunehmend internationale Debitkarten von Visa und Mastercard aus und gewinnen Marktanteile, während die Girocard beim Umsatzwachstum stagniert. Wie schätzt du die zukünftige Rolle von New Debits im Vergleich zur traditionellen Girocard ein? Welche Innovationen braucht die Girocard, um im Wettbewerb mit Wallets und internationalen Debitkarten relevant zu bleiben?
Die Girocard hat sich in den dreieinhalb Jahrzehnten seitihrer Einführung sowohl im Handel als auch bei dessen Kundschaft eine klare Pole-Position erarbeitet. Als zentrale Kontoverbindungskarte war ihr Nummer-1-Status in den Brieftaschen und Portemonnaies lange Zeit unangefochten. Im Handel gelten Girocard-Transaktionen nahezu unisono als vergleichsweise preiswert. Mit einem Umsatzanteil von über 40 Prozent hat sie nun schon seit einigen Jahren auch das Bargeld von der führenden Position der Zahlungsarten im deutschen Einzelhandel verdrängt.
Doch Visa Debit und Debit Mastercard haben im Vergleich zur Girocard einige klare Vorteile aus Kundensicht: internationale Einsetzbarkeit, volle E-Commerce-Fähigkeit und bessere Mobile-Payment-Eigenschaften. Hier versucht die Deutsche Kreditwirtschaft als Systembetreiber zwar aufzuholen, eine echte Wettbewerbsfähigkeit in diesen zentralen Punkten konnte die Girocard aber bislang allenfalls in Teilen erreichen. Gleichzeitig scheint die Ausgabe von New Debits zumindest für Direktbanken finanziell attraktiver zu sein als die der eigenentwickelten Girocard. Die Ansprüche von Issuer-Banken und deren Kundschaft haben sich also mittlerweile von den Wünschen des Handels entfernt und so verliert die Girocard weiter Marktanteile zu Gunsten der teureren Alternativprodukte.
Beim Thema Kosten liegt die Girocard deutlich höher in der Gunst der Händler als Kreditkarten oder New Debits.
Horst RüterDie Girocard ist im stationären Handel stark, im Omnichannel-Commerce jedoch weniger präsent. Welche Veränderungen beobachtest du derzeit im Wettbewerb zwischen Girocard und internationalen Debitkarten und welche Auswirkungen hat diese Entwicklung auf den Zahlungsverkehr im Handel?
Im E-Commerce hat die Girocard nur eine Statistenrolle. Bestenfalls bei Einbindung in Wallet-Lösungen, die beim Onlineshopping eine immer größere Rolle spielen, kann sie ein wenig mitreden. Die Sparkassenorganisation hat hier schon kurz nach Einführung von Apple Pay im Jahr 2018 klare Kante gezeigt und sich unter Zahlung von Lizenzgebühren an Apple einen Platz in der Wallet gesichert.
Wie die aktuell geradezu explodierenden Nutzungszahlen zeigen, war das keine schlechte Entscheidung. Andere Anbieter wie die Genossenschaftsbanken oder aber auch Online-Platzhirsch Paypal gehen seit Kurzem den Weg über eigene Apps und Wallets mit der teilgeöffneten NFC-Schnittstelle des iPhones. Hier bleibt abzuwarten, ob solche Second-Best-Lösungen ähnlich erfolgreich sein können. Daneben entwickelt sich mit Wero ein hauseigener Wettbewerber mit europäischem Gedankengut, der nach der erfolgreichen Einführung im P2P-Bereich nun den E-Commerce erobern möchte und sogar schon stationäre Ambitionen hegt.
Kosten, Sicherheit, Geschwindigkeit und Investitionssicherheit sind laut EHI-Befragungen die wichtigsten Kriterien eines Zahlungssystems für Händler. Wie unterscheiden sich hier Girocard, internationale Schemes und Wallet-Lösungen?
In den seit über 30 Jahren durchgeführten Erhebungen des EHI hatten die technische Sicherheit und der Schutz der Zahlungsverkehrsdaten stets höchste Priorität für die befragten Händler. Insbesondere beim Thema Datennutzung bestehen vor allem bei internationalen Wettbewerbern der Girocard durchaus Bedenken. Geradezu eine Horrorvorstellung wäre es, wenn Informationen aus einer Vertrauensbeziehung Handel/Kunde im Ausland landen und dem Handel dann vielleicht irgendwann sogar von dort zum Kauf angeboten würden, ohne zu wissen, wer von diesen Daten profitiert.
Auch beim Thema Kosten liegt die Girocard deutlich höher in der Gunst der Händler als Kreditkarten oder New Debits. Seit es kontaktlose Karten gibt, gilt das Thema Schnelligkeit grundsätzlich als gelöst für alle Schemes. Und auch das Investitionsthema stellt sich für die etablierten Systeme nicht mehr.
Mehr als 40 % des Umsatzes
im deutschen Einzelhandel werden über die Girocard abgewickelt.
Für Händler ist Payment auch ein Kostenfaktor: Welches sind die größten Kostentreiber?
Das Disagio des Händlers setzt sich aus den drei Bestandteilen Autorisierungs- bzw. Interchange-Gebühr, Card-Scheme-Fees und Netzbetreiber-/Acquirer-Gebühren zusammen. Die Interchange wurde vor einer Dekade von der EU-Kommission auf 0,3 Prozent bei Consumer-Kreditarten und 0,2 Prozent bei Consumer-Debitkarten gedeckelt. Für die Girocard gilt darüber hinaus ein zusätzliches Verhandlungsgebot des Bundeskartellamts, das den durchschnittlichen Wert auf mittlerweile 0,17 Prozent gedrückt hat.
Bei Visa Debit und Debit Mastercard gibt es eine solche Verhandlungsmöglichkeit nicht. Außerdem müssen in beträchtlichem Umfang deutlich höher bepreiste Commercial Cards von Visa und Mastercard am POS akzeptiert werden, die zu einer Erhöhung der durchschnittlichen Interchange-Gebühr über die verordnete Obergrenze hinausführen. Hinzu kommt, dass die Händler, insbesondere seit der Regulierung der Interchange, sogenannte Card Schemes Fees in beträchtlicher Höhe zu tragen haben. Diese machen mittlerweile bei großen Unternehmen ein Viertel bis ein Drittel des gesamten Disagios aus.
Bei der Girocard gibt es diese Art von Gebühren in deutlich geringerem Ausmaß erst seit kurzer Zeit und auch nur dann, wenn die Netzbetreiber diese Kosten an die Händler weitergeben. Hinzu kommen dann natürlich auch noch die Dienstleistergebühren, die insbesondere bei mittelständischen Händlern die größte Teilposition sind. Hier gilt zum Leidwesen des Mittelstands die Faustregel: Klein finanziert groß.
Mobile Wallets und Plattformen wie Apple Pay oder Paypal werden für Händler zunehmend relevant. Das wirft neue Fragen zu Daten und Abhängigkeiten auf. Wer besitzt dann eigentlich die Kundenschnittstelle? Wird Payment künftig stärker von Banken und Netzwerken geprägt oder von Plattformunternehmen?
Plattformen wir Apple oder Google haben mittlerweile einen extrem hohen Stellenwert in der Payment-Welt – ganz einfach schon deshalb, weil das Smartphone zu einem quasi unerlässlichen Begleiter geworden ist. Waren die ersten Mobile-Payment-Jahre noch von einer gewissen Skepsis in Bezug auf das Thema Sicherheit geprägt, so schnellen aktuell die Transaktionszahlen von Apple Pay und Google Pay massiv in die Höhe. Hier gilt bei Nutzung der entsprechenden Plattform-Wallets: schneller und bequemer geht’s nicht! Daher werden diese internationalen Anbieter in Zukunft ein noch entscheidenderer Faktor im Zahlungsverkehr werden.
EHI Payment Kongress 2026: Wissenstransfer und Networking

Der Payment Kongress im Alten Bundestag in Bonn
Foto: EHI/Axel Schulten
Der EHI Payment Kongress ist seit Jahren die führende Informations- und Netzwerkveranstaltung für die gesamte Branche im deutschsprachigen Raum. Zum kommenden Event am 05. und 06. Mai in Bonn erwartet das EHI mehr als 600 teilnehmende Payment- Verantwortliche aus Handel, Mineralölbranche und Dienstleistung. Top-Referierende aus dem Handel beleuchten die wichtigsten Branchenthemen.
Auch in diesem Jahr gibt es wieder eine große Begleitausstellung im Foyer des ehemaligen Deutschen Bundestages und eine Networking-Veranstaltung zum Abschluss des ersten Kongresstages.
Weitere Infos zum Rahmenprogramm und zur Anmeldung hier.
Der Handel bewegt sich mit schnellen Schritten weiter in Richtung Omnichannel. Zahlungssysteme müssen heute sowohl im stationären Handel als auch im E-Commerce und in Apps funktionieren. Welche Anforderungen entstehen für Zahlungssysteme, wenn Händler ihre Payment-Strategien über alle Kanäle hinweg integrieren müssen? Und warum scheitern viele Händler noch immer an der Integration von Online- und Offline-Payment?
Im Einzelhandel haben stationäres Geschäft und Online-Business lange Zeit bei vielen Unternehmen als autonome Parallelwelten existiert. Synergien wurden gar nicht oder nur in Teilbereichen genutzt. Das hat dazu geführt, dass nicht selten nur kanalspezifische Verträge mit Dienstleistern geschlossen wurden. Größenvorteile konnten nicht in günstigere Konditionen umgesetzt werden, schlimmstenfalls waren technische Lösungen nicht kompatibel. Erst langsam hat sich eine Omnichannel-Sichtweise in den großen Handelsunternehmen durchgesetzt, mit besseren Verhandlungsmöglichkeiten als Konsequenz. Wir haben das auch lange Zeit bei unseren Studien festgestellt. Die einen konnten den stationären Erhebungsbogen beantworten, haben aber für die Fragen zum Online-Payment einen ganz anderen Bereich eingeschaltet.

Gemessen an der Anzahl Transaktionen ist
Bargeld das am häufigsten verwendete Bezahlsystem
im Einzelhandel
Foto: Halfpoint/stock.adobe.com
Mit Wero entsteht eine europäische Alternative zu amerikanischen Payment-Systemen. Wie realistisch ist eine echte europäische Alternative und was muss dafür politisch und wirtschaftlich passieren?
Eine europäische Alternative ist richtig und wichtig. Unser Nachbarland Österreich zum Beispiel besitzt kein starkes nationales Zahlungssystem wie die Girocard. Die Händler sehen sich dort mit deutlich höheren Kosten im Zahlungsverkehr konfrontiert, da man weitgehend von internationalen Schemes abhängig ist. Die Schweiz mit einer mindestens oligopolistischen Handelslandschaft konnte mit kräftiger Förderung nationaler Systeme wie Twint die Ausweitung internationaler Schemes in gewissem Umfang eingrenzen. Es ist wichtig, eine Abhängigkeit von wenigen Großen zu vermeiden, ansonsten steigen bei reduziertem Wettbewerb zwangsläufig die Kosten. Von daher ist Wero als zusätzlicher Anbieter definitiv zu begrüßen, auch wenn die künftigen Kosten vermutlich über dem niedrigen Level der Girocard liegen werden.
Im E-Commerce dominieren wenige große Anbieter. Wie beurteilst du die Wettbewerbssituation im Online-Payment – und welche Rolle könnten neue europäische Initiativen oder Instant-Payment-Lösungen künftig spielen?
Im E-Commerce haben wir eine ganz andere Situation als im stationären Handel. Paypal, der Kauf auf Rechnung, Kreditkarten und Lastschriftverfahren sind die marktführenden Systeme. Diese sind seit Jahren etabliert und ausgereift. Jedes neue System muss mit einer sehr überzeugenden Follower-Strategie aufwarten, um hier nennenswerte Markanteile erreichen zu können. Dabei muss immer hinterfragt werden, warum ein Kunde oder eine Kundin von einer liebgewonnenen Bezahlart auf etwas Neues wechseln sollte.
Klare USPs sind also in einem gereiften, wettbewerbsintensiven Markt essenziell, ansonsten wird es schwierig für Newcomer. Instant Payment-Lösungen können für Händler klare Vorteile haben, zum Beispiel verbesserte Liquidität oder der mögliche Verzicht auf Risikoabsicherungen. Die Frage ist aber: Sieht das die Kundschaft in Zeiten von Buy now, pay later und einfacher Payment-Rückerstattungsabwicklung bei Retouren genauso vorteilhaft?
Die EZB argumentiert, ein digitaler Euro könne Vorteile für Händler bringen, zum Beispiel durch eine vereinfachte Infrastruktur für Zahlungen. Kritiker des digitalen Euros bleiben aber skeptisch. Zu Recht?
Nach meinem Verständnis haben wir eine bestens funktionierende Infrastruktur für Zahlungen. Sie ist das Ergebnis einer mehr als 40-jährigen Entwicklung, die das EHI seit Gründung seines Arbeitskreises „Zahlungssysteme“ im Jahr 1984 begleitet. Vorteile für den Händler ergeben sich vor allem dann, wenn er mit der Akzeptanz des digitalen Euros den Wünschen seiner Kundinnen und Kunden gerecht werden kann. Viele Zahlungsdienstleister in Deutschland haben mittlerweile internationale Muttergesellschaften, in den meisten Fällen außerhalb Europas. Dieses internationale Service-Provider-Geschäft wird die Abwicklung des digitalen Euros nicht ignorieren können.
Es ist wichtig, eine Abhängigkeit von wenigen Großen zu vermeiden, ansonsten steigen bei reduziertem Wettbewerb zwangsläufig die Kosten.
Horst RüterEine verpflichtende Akzeptanz des digitalen Euros wäre ein historischer Eingriff in den Zahlungsmarkt. Welche Rolle sollte Regulierung deiner Meinung nach bei der Gestaltung des europäischen Zahlungsverkehrs spielen und wo siehst du Chancen oder Risiken für den Handel?
Die heute bestehenden Zahlungssysteme haben sich im funktionierenden Wettbewerb entwickelt und der Status quo des Bezahlens im Einzelhandel ist das Ergebnis dieses demokratischen Entwicklungsprozesses. Neben den bestehenden Systemen gibt es auch einen großen Friedhof gescheiterter Projekte, aber gerade deshalb haben heute die privatwirtschaftlich gestalteten Systeme neben dem Bargeld als hoheitlich- staatliche Alternative allesamt eine marktwirtschaftliche Daseinsberechtigung. Nun soll aber eine digitale Form des Bargelds in einen funktionierenden Markt eingebracht werden.
Würde dies rein freiwillig passieren, hätte der digitale Euro mit ähnlichen Voraussetzungen zu kämpfen wie Wero – mit zweifelhaftem Erfolg. Wird er aber mit einer Akzeptanzpflicht eingeführt, werden etablierte marktwirtschaftliche Gegebenheiten ausgehebelt und privatwirtschaftliche Alternativen definitiv benachteiligt. Dies wäre ein ganz bewusster Eingriff zur Stützung einer Zahlungsart, deren Überleben marktwirtschaftlich zumindest fraglich wäre. Dass dadurch privatwirtschaftliche Alternativen bewusst benachteiligt werden, darf man durchaus auch als undemokratisch bewerten. Natürlich kann es am Ende sogar – insbesondere im E-Commerce – Kostenvorteile für den Handel geben, wenn teurere Wettbewerbsprodukte Marktanteile verlieren, aber eine gesunde Entwicklung ist es dennoch nicht.
Und wenn du nach Jahrzehnten intensiver Marktbeobachtung einen Ausblick wagst: Welche Payment-Themen werden den Handel in den nächsten fünf Jahren am meisten beschäftigen?
Das Thema mobiles Bezahlen ist sicher momentan besonders en vogue. Wir sind ja schon vor acht Jahren mit unserer EHI Mobile-Payment-Initiative gestartet, aber aktuell nimmt das Bezahlen per Smartphone eine ähnliche Dynamik auf wie das kontaktlose Bezahlen während der Corona- Pandemie. Handelsunternehmen werden ihre Kundenbeziehungen weiter digitalisieren und Bezahloptionen in mobile Lösungen integrieren. Dann stellt sich die Frage, wie weit der Siegeszug der New Debits noch geht und ob die Girocard als Marktführer Antworten finden kann. Im E-Commerce wird es mit der Einführung von Wero und dem digitalen Euro noch mal richtig spannend und dann kommen schon neue Themen wie Stable Coins, Kryptos oder die Bezahloptionen im Agentic Commerce.
Gemeinsam mit Olaf Schrage moderierst du am 05./06. Mai zum letzten Mal den EHI Payment Kongress in Bonn, dann folgt die Staffelübergabe. Was wünschst du dir für die zukünftige Ausrichtung des Kongresses?
Dass unsere Nachfolger dem Markt weiter präzise Forschungsergebnisse zur Verfügung stellen und – wie auch immer diese aussehen – der Branche damit weiterhin eine fundierte Diskussionsbasis zur Verfügung stellen können. Ergänzt um aktuelle Praxisberichte getreu dem Motto „Aus dem Handel für den Handel“ sehe ich für unseren Kongress auch in Zukunft eine exzellente Perspektive als führendes Branchenevent.
Das Interview führte Katharina Sieweke.


